
"Musik ist für uns kein Wettbewerb" - Thomas (li), Sebastian (mi) und Moritz (re) von The Intersphere beim Interview mit Echo-Live Foto: Felipe Fernandes
Bereits mit ihren beiden ersten Alben „s.o.b.p.“ und „interspheres/atmospheres“ sorgten The Intersphere bundesweit bei Fans und Kritikern für Aufsehen. Etliche Konzertreisen, von der kleinsten Club-Bühne bis zur Festivalshow bei „Rock am Ring“ folgten und bescherten dem Quartett auch als Live-Act einen exzellenten Ruf. Nun wagen The Intersphere mit ihrem dritten Werk „Hold on, Liberty!“, das einen weiten Bogen von Artrock über Alternative bis hin zu psychedelischen Sounds spannt, den ganz großen Sprung. Ein Unterfangen, das unter einem guten Stern zu stehen scheint – in Deutschland stieg das Album unlängst auf Platz 63 der Charts ein und bescherte der Band ihren bis dato größten Erfolg. Echo-Live Redakteur Benjamin Metz traf Sebastian Wagner (Bass), Thomas Zipner (Gitarre) und Moritz Müller (Schlagzeug) im Rahmen der Releaseparty zu „Hold on, Liberty“ im Aschaffenburger Colos-Saal zum Gespräch.
Echo-Live: Obwohl euer neues Album "Hold on, Liberty" bereits eure dritte Veröffentlichung ist, scheint es für euch gewissermaßen einen Neustart darzustellen. Ihr habt einen neuen Labelpartner, die Veröffentlichung wird von einer amtlichen Promokampagne begleitet - ihr scheint nun zum großen, internationalen Sprung anzusetzen. Wie fühlt sich "Hold on..." für euch an? Was stellt das Album für euch dar?
Moritz: Einiges ist schon irgendwo Neuland, aber letztlich läuft das alles genauso ab, wie wir das schon früher getan haben – in erster Linie geht es uns darum, tolle Songs zu schreiben. Und hier fließt unsere ganze Energie ein. Das ganze Drumherum ist natürlich jetzt anders, aber das liegt primär an unserem neuen Labelpartner. Wir sind allerdings auch sehr dankbar für die ganzen Promoaktionen.
Sebastian: „Neuland“ trifft es auch nicht wirklich. Das neue Album ist einfach eine Weiterentwicklung. Wir haben ja bereits auf dem letzten Album versucht, einen neuen, eigenen Sound zu entwickeln. Diese Entwicklung haben wir auf „Hold on, Liberty“ konsequent fortgeführt. Das ist einfach Teil eines Weges, den wir auch in Zukunft weiterverfolgen werden und wir sind gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.
Echo-Live: Ihr seid nun bei der Long Branch Records, einem Tochterunternehmen des bekannten Hannoveraner Labels SPV unter Vertrag, das auch Künstler wie Everlast, Prong oder Madina Lake betreut. Die Firma scheint hohe Erwartungen in euch zu setzen, immerhin wird "Hold on, Liberty" weltweit veröffentlicht. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?
Thomas: Es gab mehrere Labelangebote, aber SPV hatte das Erste vorgelegt. Die hatten sofort Lust darauf, etwas mit uns zu machen. Das war klar zu spüren. Da war einfach ein gutes Bauchgefühl. Wir fühlen uns dort auch gut aufgehoben.
Sebastian: Allerdings gibt es hierzu auch eine Vorgeschichte: Auf unserer letzten Tour hatten wir eine Supportband im Hamburger „Logo“, bei der auch der Mann, der uns bei SPV unter Vertrag genommen hat, mitgespielt hat. Unser Auftritt hat ihn damals wohl beeindruckt und wir sind in Kontakt geblieben. Mit der Zeit kam dann eins zum anderen.
Echo-Live: Deutsche Bands haben es traditionell schwer im Ausland und wenn sie erfolgreich sind, dann in der Regel gerade, weil sie so Deutsch wirken, siehe Kraftwerk, Rammstein, Einstürzende Neubauten. Allerdings ist euer Sound sehr international. Mit einer internationalen Veröffentlichung tretet ihr ja in den wesentlich größeren Wettbewerb mit zahllosen angloamerikanischen Bands. Wie seht ihr eure Chancen?
Sebastian: So denken wir eigentlich gar nicht. Musik ist für uns kein Wettbewerb. Wir sagen einfach: „Das hier ist unsere neue Platte, wir sind damit sehr glücklich. Wenn Ihr sie auch gut findet, freut uns das sehr!“ Wir versuchen ganz sicher nicht, mit anderen Bands in Konkurrenz zu treten, oder uns Dinge abzuschauen, um uns beim Publikum anzubiedern. Das ist einfach nicht unser Ding. Das sollen andere machen.
Echo-Live: Euer Sound wurde immer wieder mit dem von Muse, Dredg oder Incubus verglichen. Bands, die für ihre opulenten, aufwändigen Studioproduktionen bekannt sind. Mit "Hold on, Liberty" seid ihr einen komplett anderen Weg gegangen und habt alle Songs des Albums live innerhalb einer Woche eingespielt und bewusst Ecken und Kanten gelassen. War diese Arbeitsweise als klare Abgrenzung gegenüber allzu opulenter Studiogimmicks gedacht oder wolltet ihr primär euren Livesound eins zu eins auf CD bannen? Die Beatsteaks und ihr Produzent Moses Schneider arbeiten beispielsweise seit Jahren ausschließlich live im Studio.
Moritz: Wir haben allerdings sehr lange vorbereitet, die Songs geprobt, an den Arrangements gefeilt. Erst als dieser Prozess durch war, sind wir an die eigentlichen Aufnahmen gegangen.
Sebastian: Es ging in der Tat auch darum, unseren Livesound einzufangen. Uns wurde bei den früheren Platten des Öfteren mal gesagt, dass die Songs toll seien, aber die Energie, die unsere Konzerte haben, in der Studioproduktion nicht wiederzufinden ist. Das war unser Ansatz: Wie können wir diese Energie bündeln und auch auf der Platte einfangen. Und die lange Vorbereitung, sprich: das Arrangieren, Proben, die Voraufnahmen hat uns sehr geholfen, die Songs reifen zu lassen. Die angesprochen Ecken und Kanten haben wir dann bewusst auf dem Album gelassen, denn sie machen das Ganze etwas schräger aber liebenswerter. Vor allem verleihen sie den Songs Charakter. Und den bekommt man mit einer perfekten Studioaufnahme einfach so nicht herausgestellt. Und genau diesen eigenen Charakter unserer Songs wollten und wollen wir herausarbeiten.
Thomas: Wir bringen mit dieser Arbeitsweise einfach wesentlich mehr Leben in unsere Songs.
Echo-Live: Ihr seid 2006 zum ersten Mal in einem Mannheimer Proberaum zusammengetroffen, ursprünglich nur um Christoph bei der Liveumsetzung einiger seiner Songs zu helfen. Seither seid ihr als Band eine absolute Einheit, wie es scheint. Wie wichtig sind die einzelnen Charaktere für The Intersphere – menschlich und musikalisch?
Sebastian: Sehr wichtig. Aber es geht vor allem darum, wie sie als Einzelne für das Ganze funktionieren. Wie aus dem Puzzle ein Bild wird. Das ist natürlich wieder Teil einer Entwicklung. Ein funktionierendes Ganzes – das geht nicht von heute auf morgen. Ich finde, man kann diese Entwicklung auf unseren bisherigen drei Alben sehr gut nachvollziehen. Songs waren uns immer schon sehr wichtig, nicht nur das Aneinanderreihen einzelner Parts. Und mittlerweile wissen wir schon recht gut, was wir für einen Song benötigen, um diesen rund klingen zu lassen.
Moritz: Wir sind eine gut funktionierende Vierer-Beziehung. Jeder lernt vom anderen und wir wachsen gemeinsam. Wir verbringen auch generell viel Zeit miteinander und natürlich stärken gemeinsame Erlebnisse, beispielsweise auf Tour, auch den Zusammenhalt.
Sebastian: Ein wichtiger Punkt ist allerdings auch, dass unser Sänger und Hauptsongschreiber Christoph uns in den kreativen Prozess komplett mit einbezieht, uns eher noch fordert, hieran teilzuhaben. Es gibt ja vergleichbare Konstellationen, wo der eine Kopf komplett sagt, wo es langgeht. Bei uns ist genug Freiraum für alle vier Charaktere. Wir kommen auch immer zu einem konstruktiven Ergebnis.
Thomas: Entscheidend hierbei ist aber vor allem, dass sich bei The Intersphrere niemand zu wichtig nimmt. Das ist ein großer Vorteil. Vor allem auf Tour.
Echo-Live: Ihr seid, wie bereits erwähnt, schon einige Jahre als Band unterwegs, eure Karriere hatte durchaus Höhen und Tiefen. Was würdet ihr, retrospektiv betrachtet, heute anders machen? Welche Tipps könnt Ihr jungen Bands, die ebenfalls eine professionelle Karriere als Musiker einschlagen wollen, mit auf den Weg geben?
Sebastian: Ich denke, dass eines der Hauptprobleme für junge Bands heutzutage darin besteht, schon gleich zu Anfang ihrer Karriere soviel selbst managen zu müssen. Einfach, weil es sonst niemand macht und auch nicht das Geld da ist, jemanden damit zu beauftragen. Was wir allerdings gelernt haben und gerne auch weitergeben möchten, ist der Ratschlag, trotz all des Stresses, den man mit der ganzen Rumorganisiererei für die Band hat, nie das Feuer zu verlieren. Nie zu vergessen, warum man das alles macht. Nämlich wegen der Musik und weil man Musik machen und Songs schreiben möchte.
Moritz: Und es ist auch ein echtes Privileg, vom Musikmachen leben zu können. Ich verstehe die ganzen Bands nicht, die irgendwann richtig Erfolg haben und am Rumjammern sind, was sie doch für einen harten Job haben, und dass alles so wahnsinnig anstrengend sei. Das ist wirklich albern. Man muss sich solche Leute mal bei einem Fließbandjob vorstellen.
Echo-Live: Ihr habt alle die Mannheimer Popakademie besucht und werdet im Allgemeinen der dortigen Bandszene zugerechnet. Wie kommt es eigentlich, dass eure Releaseparty zu "Hold on, Liberty" heute im Aschaffenburger Colos-Saal über die Bühne geht? Ist das gewissermaßen eine Reminiszenz von Christoph an seine Heimatstadt?
Sebastian: Ja, das zum Einen. Zum Anderen haben wir hier auch schon die Releaseparty zu unserem ersten Album veranstaltet und mögen den Laden und die Leute hier sehr gerne. Wir sind ja eigentlich im ganzen Rhein-Main-Neckar-Raum zuhause. In Mannheim gibt es aber keinen Club, der für diesen Abend gepasst hätte, dort sind die Clubs für uns entweder zu klein oder zu groß. Das Colos-Saal hingegen passt perfekt. Und es macht auch Spaß, auf eine Bühne zu gehen, auf der schon soviel Größen gespielt haben. Der Laden hier hat einfach ein ganz eigenes Flair.
Echo-Live: Vor einigen Jahren habe ich mit einer damals sehr aufstrebenden Band ein Interview geführt in dem der Bandleader meinte, dass ihr Majorvertrag und die riesige Promo, die ihnen damals zuteil wurde, die letzte große Chance sei, sich den Traum, vom Musikmachen leben zu können, zu erfüllen. Könnt ihr diese Aussage nachvollziehen? Auch bei euch dürfte ein gewisser Erfolgsdruck vorhanden sein. Wie tief ist das Loch, in das Ihr fallt, wenn sich die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen?
Sebastian: Eigentlich finde ich so eine Aussage traurig. Denn als Musiker ist man in erster Linie mit dem Herzen dabei. Wir können von The Intersphere auch noch nicht leben, wir können allerdings unseren Lebensunterhalt durch unsere anderen musikalischen Tätigkeiten bestreiten. Und das ist bereits seit einigen Jahren so. Insofern müssen wir uns diesem ganzen Druck nicht unbedingt aussetzen. Obwohl wir uns natürlich wünschen, dass es mit The Intersphere weiter voran geht, denn wir möchten natürlich gerne noch viel mehr Zeit in die Band investieren können.
Moritz: Wichtig ist einfach, dass es immer ein Stück weiter vorangeht. The Intersphere werden in erster Linie von der Musik angetrieben. Und von den Leuten, die unsere Musik mögen.
Thomas: Wir sind natürlich sehr glücklich, dass uns mit der neuen Platte soviel Aufmerksamkeit widerfährt und auch die Kritiker so positiv auf das Album reagieren. Und natürlich tun wir auch jede Menge dafür, dass möglichst viele Leute unsere Musik hören und kennenlernen. Aber uns ist auch durchaus bewusst, dass sich das eben auch ändern kann und der Wind sich dreht. Und dann sollte man aber weiter an seine Musik glauben und seinen Weg weiter gehen.
Moritz: Wir haben uns immer selbst angetrieben. Wir haben uns früher nicht von Kritik leiten lassen und werden das auch in Zukunft nicht tun. Natürlich sind wir für Kritik empfänglich, klar. Aber sie bestimmt nicht unser Handeln.
Echo-Live: Wie sehen eure Träume aus? Wo stehen The Intersphere in fünf Jahren, wenn es richtig gut gelaufen sein sollte?
Sebastian: Jetzt erstmal Festivals im Sommer spielen und dann eine ganze Europatour oder eine Tournee durch Amerika – das wäre der Knaller!
Moritz: Eine amtliche Bühnenshow wäre großartig! Eine, die den ganzen Club mit einbezieht. Am Besten so, dass während der Show niemand mehr aus dem Club rauskommt! (lachen)
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.