"Bordelle sind unmaskierte Gesellschaften"

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Susanne Sundfør vor ihrem Konzert in der Frankfurter Brotfabrik. Foto: Stefan Holtzem


Die Presse überschlägt sich regelmäßig, wenn sie über Susanne Sundfør schreibt. Die 25 Jahre alte Singer/Songwriterin gilt als "die" musikalische Perle Norwegens. Bereits in der Kindheit nahm die Norwegerin Unterricht in Jazz und Klassischer Musik. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ihr 2010 veröffentlichtes Album "The Brothel" auf Platz Zwei der meistverkauften Alben des Jahres in Norwegen landete. Echo-Live traf Susanne Sundfør zum Gespräch vor ihrem Konzert in der Brotfabrik in Frankfurt.

 

Echo-Live: Du bist aus dem norgwegischen Ort Haugesund. Wie ist es dort? Inwieweit hat dich deine Heimatstadt musikalisch beeinflusst? 

Susanne Sundfør: Es ist eine kleine Stadt im Norden von Norwegen. In meiner Kindheit gab es dort nicht sehr viele kulturelle Angebote, sodass ich selbst auf die Suche ging und Büchereien aufsuchte und Klavierstunden nahm. Es war sehr behütet. Du musst wissen, Haugesund ist oder war ein kleiner Fischerort – mittlerweile haben sich dort finanzielle Probleme breit gemacht. Aber kulturell war es eher armselig. 

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Susanne Sundfør (hinten) im Gespräch mit Sebastian von Echo-Live. Foto: Stefan Holtzem

Echo-Live: Du bist schließlich zum Studium nach Bergen gegangen und anschließend nach Oslo gezogen. Ist es ein Muss für Künstler, dass man in die angesagteste und oft größte Stadt des Landes zieht? In Deutschland ist es dasselbe Phänomen: Viele junge Künstler suchen ihr Glück in Berlin, auch wenn Kosten hier ebenfalls eine Rolle spielen.

Susanne Sundfør: Wenn du eine reiche Kulturszene, viele Konzerte und Künstler in einer Stadt hast, ist es viel besser, als allein zu sein. Bergen ist die zweitgrößte Stadt Norwegens und ist sogar noch etwas vielfältiger als Oslo, aber ich kannte mehr Leute in Oslo. Ich glaube aber nicht, dass es ein Mythos ist, der Künstler in „die“ große Stadt zieht. Es ist einfach schön Vielfalt zu erleben.


Echo-Live: Man kann über deine musikalischen Anfänge nicht allzuviel lesen. Wie hast du angefangen Musik zu machen und Songs zu schreiben? Du hast nach der Schule Englisch und Kunst studiert – war das nur der verzweifelte Schritt zwischen dem Ende der Schulzeit und einer Musikkarriere? 

Susanne Sundfør: Ja, irgendwie schon. Klavier lernte ich mit neun Jahren und mit Zwölf begann ich mit klassischem Gesang. Dann ging ich auf eine musikalische Schule. In Norwegen haben wir verschiedene Arten von Schulen: sportliche, musikalische oder technische und so. Da lernt man auch Musikgeschichte und vieles mehr. Ich fing dann mit dem Studium an, weil ich nur wenige Leute in der Musikszene kannte. Ich begann zu studieren und ließ alles auf mich zukommen. Dann habe ich das erste Album veröffentlicht, brach das Studium ab und ging in die Musik.


Echo-Live: Du warst schon viel auf Tour, besonders in Deutschland bist du regelmäßig zu sehen. Welche Erfahrungen sammelt man unterwegs?

Susanne Sundfør: Das letzte Mal hier in der Brotfabrik hatte ich meine Band noch dabei, dieses Mal bin ich auf Solotour. Hier kommt man nur über eine ganz schmale Metalltreppe rein und wir mussten mein Rhodes (Fender Rhodes ist ein transportables, pianoähnliches Instrument; Anmerk. d. Red.) dort hochbekommen. Das ist so schwer. Wir mussten es in zwei Teilen dort hochschaffen. Wir waren zwei Bands mit 16 Musikern und viel Equipment – das war die Hölle. Aber es ist ein wunderschöner Club hier.


Echo-Live: Dein erstes Album hast du an deinem Geburtstag rausgebracht. Die Presse hat sich fast vor Lob über dich überschlagen. Was war das für ein Gefühl für dich – Geburtstag plus erstes Album und dann noch diese große Medienresonanz?

Susanne Sundfør: Es war ein schöne Geburtstagsgeschenk an mich selbst (lacht). Es ist schwierig mit den Medien umzugehen, denn die Kritiken sollen meine Musik nicht beeinflussen. Ich will unabhängig von den Medien bleiben und nicht die Musik machen, die Medien von mir erwarten. Auf der anderen Seite lese ich die Kritiken dann doch, weil gute Resonanz schon beflügelt. Aber eigentlich will ich das nicht. Ich versuche mich selbst davon zu distanzieren. Es schwierig, weil sie deine sehr persönliche Arbeit bewerten, aber ich versuche es. 

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Susanne Sundfør in der Brotfabrik Frankfurt

 

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Echo-Live: Eine Zeitung schrieb über dich, dass andere junge Künstler aus Norwegen anfangen zu weinen, weil du einerseits viele Ligen über ihnen wärst, aber andererseits auch, weil deine Musik so schön sei und sie bewege. Machen dir solche Kritiken Angst?

Susanne Sundfør: Tun sie! Denn plötzlich haben die Leute große Erwartungen dir gegebenüber, die nicht von mir stammen, sondern von Medien entfacht sind. Das ist ein klassischer Hype, dem ich nicht wirklich etwas abgewinnen kann. Ich empfinde als unfair, weil viele daran zerbrochen sind. Es gibt ein Album, dass viele Journalisten mögen und beim nächsten sind sie plötzlich enttäuscht. Das kreiert einen Druck, der auch mich beeinflusst. Ich versuche ehrlich mit mir selbst zu sein, wenn es um solche Dinge geht. Es hilft mir, wenn ich meinen Fokus auf der Musik lasse. Sonst wäre ich wohl nur eine Entertainerin und keine Musikerin.


Echo-Live: Deine letztes Album „The Brothel“ (zu deutsch: Das Bordell; Anmerk. d. Red.) erschien letztes Jahr und war deine bislang erfolgreichste Platte. Abschließende Fragen: Warum hast du genau diesen Titel genommen?

Susanne Sundfør: Es ist die Imagination der Gesellschaft im Kleinformat. Dort gibt es die gleichen Extreme und Mechanismen, die auch in der richtigen Welt vorkommen, nur im Bordell sind sie konzentriert: Starke Emotionen, Geld, Korruption, Sex. In Bordellen sind sie offensichtlicher als in der Gesellschaft, aber es gibt sie trotzdem. Bordelle sind unmaskierte Gesellschaften. Ein Bordell ist auch irgendwie der Kern oder die Wahrheit der Gesellschaft. Es ist ein sehr ehrlicher, ein sehr menschlicher Platz. Aber trotzdem ein fürchterlicher Ort. 


Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch!

03.10.2011, Sebastian Wolf

 
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