"Musik ist immer Plünderei"

Shantel im Frankfurter Hof Mainz.

Stefan Hantel, alias Shantel während des Interviews mit Echo-Live vor seinem Konzert in Mainz. Foto: Dominik Gruszczyk

Stefan Hantel alias Shantel legte in den 90er Jahren Platten auf, um sein Studium zu finanzieren. Seine Passion findet er später in der osteuropäischen Musik und beginnt westliche Klänge mit östlichen Rhythmen zu vermischen und erste eigene Tracks zu produzieren. Mit seinen Bucovina-Club-Shows, sowie den hochgelobnten Alben „Bucovina Club“, „Disko Partizani“ und „Planet Paprika“ begeistert Shantel mittlerweile Fans in ganz Europa! Derzeit ist der Frankfurter mit seinem Bucovina Club Orkestar auf seiner „Anarchy & Romance“-Tour unterwegs, das gleichnamige Album soll 2012 erscheinen. Echo-Live traf Shantel vor seinem Konzert in Mainz und sprach mit ihm über seine Musik, seine Projekte und sein neues Album.

Shantel im Frankfurter Hof Mainz II
Shantel im Gespräch mit Echo-Live Redakteurin Clarissa Guzy. Foto: Dominik Gruszczyk

Echo-Live: Wie bist du zur Musik und zu deiner Arbeit als DJ gekommen? Immerhin hast du mit deinem Studium ursprünglich den Weg als Grafikdesigner eingeschlagen.

Shantel: Seit acht Jahren mache ich nun Livemusik und habe als Musiker damals angefangen. Das heißt ich habe angefangen, Instrumente zu lernen. Während meines Studiums habe ich dann im Frankfurter Bahnhofsviertel Partys organisiert und begann, Platten aufzulegen, um mein Studium zu finanzieren. Aber ein wirklicher DJ war ich nie. Studiert habe ich Kunst- und Grafikdesign und wollte im Grunde nie etwas mit Musik machen. Musik fand ich immer unseriös. Wie ich letztendlich dann zur Musik kam kann ich dir gar nicht sagen.

Echo-Live: Während einer Reise nach Czernowitz (Hauptstadt der Bukovina, einer Region in Südosteuropa, Anm. d. Red.), die du ursprünglich angetreten hattest, um deine familiären Wurzeln zu entdecken. hast du die Osteuropäische Musik entdeckt und sie in deine Musik einfließen lassen…

Shantel: Für mich ist Südosteuropa alles andere als ein kulturell angereicherter Fundus. Das ist alles Quatsch. Wir haben hier einen sehr romantischen Blick auf den Balkan und den Osten Europas. Bei dem Besuch in Czernowitz wollte ich herausfinden, wo meine Mutter herkam. Das Kulturelle dort ist seit dem ersten Weltkrieg alles kurz und klein geschlagen worden. Das war also eigentlich in erster Linie eine persönliche Reise, weil ich mir hierdurch erhofft hatte, mehr über meine Identität zu erfahren. Wenn man die Musik betrachtet ,sage ich, dass ich europäischer Musiker bin und meine musikalische Entwicklung sich auf Kontinentaleuropa bezieht. Aufgewachsen bin ich nämlich auch mit HipHop und vielen anderen musikalischen Einflüssen. In meiner Kindheit habe ich durch meine Eltern natürlich auch Musik aus Osteuropa gehört. In Czernowitz selbst hingegen habe ich eigentlich gar nichts an Musik gehört.

Ich möchte mich auch, sehr trocken, als deutschen Musiker positionieren. Nur, dass ich als deutscher Musiker nicht dieses klassische, teutonische Schreibtischtätergemüt verbreite. Bei mir klingt es nicht so wie bei Rammstein, oder Kraftwerk. Bei mir klingt es eben anders. Scheinbar gefällt es einigen Leuten, deswegen mache ich auch das was ich gerade mache. Unser Tourtitel „Anarchy & Romance“ beschreibt unsere Musik im Grunde sehr gut. Balkanpop ist eher eine Begrifflichkeit die von Außen kommt. Ich kann damit persönlich gar nichts anfangen. Klar spiele ich Songs, die das assoziieren, da wird aber zu viel hineininterpretiert. Europa ist für mich wie ein vielschichtiger, bunter Straßenköter. Diese Mischung interessiert mich. Ich bin Pluralist und anarchistischer Demokrat und finde das Prinzip der Mehrschichtigkeit gut. Ich denke deswegen klingt meine Musik eben so. Bei mir ist es egal, wie alt du bist, wo du herkommst oder was du anhast.

Echo-Live: Mit deinen Alben„Disko Partizani“, der Compilation „Bucovina Club“ und deinem letzten Werk „Planet Paprika“ hast du eine Welle von osteuropäischen Klängen nach Deutschland gebracht. Sehr erfolgreich, dennoch zu Beginn von Kritikern und Traditionalisten auseinander genommen. Vor allem im Hinblick auf die Verzerrung der Kultur durch verschiedene musikalische Einflüsse. Wie sehr beschäftigt dich solche Kritik?

Shantel: Ich bin absoluter Menschenfreund und Humanist. Kritik und Schubladendenken ist natürlich legitim.

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Shantel & Bucovina Club Orkestar im Frankfurter Hof in Mainz

 

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Echo-Live: In deiner Musik vermischt du viele Stile miteinander, stellst viele typische Klischees auf den Kopf - es scheint die Musik sei für dich grenzenlos. Glaubst du, dass sich diese Vermischung der Musikrichtungen nicht auch irgendwann erschöpft?

Shantel: Bei mir klingt es so, weil es ein Teil meiner Identität ist. Ich könnte niemals eine Platte machen, wie Paul Kalkbrenner zum Beispiel. Musik ist immer Plünderei und immer ein geistiger Diebstahl an einem Projekt oder einer Idee, die es schon vorher gab. Und wenn die Sterne günstig stehen, dann kommt auch etwas Gutes, Frisches dabei heraus. Das ist wie Essen kochen. Kunst ist immer eine Form von Diebstahl, der aber so elegant und charmant herkommt, dass man es nicht merkt. Zum Beispiel kannst du dir zehn Bilder anschauen von verschiedenen Künstlern. Bei ein oder zwei Bildern hast du aber das Gefühl, auch wenn du sie nicht ganz verstehst, dass sie dich mehr berühren als die anderen. Genauso ist es mit einem Musikstück. Aufgebaut aus Bausteinen aus verschiedenen Elementen, die in Einzelteilen nicht funktionieren. Aber der "Magic Moment", das zu Komponieren und Aufzunehmen ist die Herausforderung jedes Künstlers.

Echo-Live: Dein letztes Album „Planet Paprika“ liegt nun drei Jahre zurück. In der Zwischenzeit hast du mit dem Oz Almog an dem Album „Kosher Nostra“ gearbeitet, einer Sammlung Jiddischer Gangster-Songs. Ihr thematisiert auf diesem Album die „organisierte Kriminalität im jüdisch-amerikanischen Umfeld“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Oz? Und wie kommt man auf die Idee, ein Album mit diesem Hintergrund zu produzieren?

Shantel: Die „Kosha Nostra“ ist ein Projekt, das mir seit Jahren am Herzen lag, weil es sich mit den Themen Emigration, Integration, Assimilation und kulturelle Identität beschäftigt. Die sogenannte „Kosha Nostra“, die Verbrecherorganisation, geprägt von jüdischen Einwanderern aus Osteuropa, die in Amerika ihr neues Leben anfingen, ist eine Metapher. Das heißt, diese jüdischen Einwanderer waren arme Emigranten, die versucht haben in Amerika Fuß zu fassen. Die meisten sind rechtschaffene, brave US-Bürger und Steuerzahler geworden. Einige Wenige sind kriminell geworden. Es war hierbei sehr interessant zu erzählen, wie nachhaltig diese Emigranten die kulturelle Identität Amerikas geprägt haben. Meine These ist, dass nicht nur in Amerika, sondern heutzutage auch in Deutschland und Europa die Emigranten diejenigen sind, die unsere kulturellen Identität bewahren. Vielleicht nicht die Elterngeneration, aber die der Erst-, oder Zweitgeborenen Kinder, die hier aufwachsen.

Die jüdischen Einwanderer in Amerika waren Musiker und Akademiker. Die Juden haben in der Geschichte immer auf den Deckel bekommen, deswegen lag in ihrer Erziehung als Überlebensprinzip ein Schwerpunkt auf der Ausbildung. Dadurch haben sie Europa und Amerika geprägt. Ich bin ein großer Befürworter von Einwanderungsgesellschaften und Parallelgesellschaften. Ich finde es gut, wenn in einem Land wie Deutschland verschiedene Sprachen gesprochen werden. „Kosha Nostra“ ist nur eine kleine Anekdote am Rande. Ich fand die Story spannend, weil keiner weiß, dass es eine jüdische Gangsterorganisation überhaupt gab. So sehe ich mich als Forscher, der sich mit ihm interessante Dinge beschäftigt.
Die Zusammenarbeit mit Oz Almog ergab sich dadurch, dass er eine Ausstellung zu diesem Thema im jüdischen Museum in Wien organisiert hatte. Als ich die Ausstellung besuchte, war es für mich wie ein Roadmovie und ich wollte wissen, welche Art von Musik diese Leute zu dieser Zeit gespielt haben. Daraufhin habe ich Oz kontaktiert, er fand meine Idee gut und so kamen wir für das Projekt zusammen.

Echo-Live: Welche Projekte stehen bei dir im kommenden Jahr an?

Shantel: Ich war in der letzten Zeit unglaublich viel auf Tour. Ich finde es toll, aber je mehr du auf Tour gehst, desto weniger Zeit hast du ins Studio zu gehen. Somit werde ich die ersten Monate 2012 in Studio einschließen und die neue Platte machen. Ab Mitte Mai gehen wir wieder auf Tour. Darauf freue ich mich. Alles Weitere wird sich zeigen.

Echo-Live: Danke für das Gespräch!



22.12.2011, Clarissa Guzy

 
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