
Lamb im Gespräch mit Echo-Live. Foto: Stefan Holtzem
2004 gingen Lamb getrennte Wege. Nun, fünfzehn Jahre nach ihrem gleichnamigen Debütalbum, kehren Lamb mit ihrem neuen Album "5" zurück. Auf ihrer ausgedehnten Club-Tour durch Europa können alte und neue Fans die bezaubernde und fast magische Live-Show der Engländer mit Musik zwischen Trip-Hop und Elektronic neu erfahren. Neben fast allen europäischen Großstädten und Metropolen waren Lamb auch in der Darmstädter Centralstation zu Gast und nahmen sich im Vorfeld des Konzertes Zeit für ein Gespräch mit Echo-Live.
Echo-Live: Lou, du hast das Tourleben mal als eine Fahrt auf einer Achterbahn beschrieben. Wie es im Moment? Gefällt es dir noch oder sehnst du dich bereits nach ruhigeren Momenten?
Lou: Es ist wirklich wie eine Achterbahnfahrt. Die Gefühle auf einer Tour sind sehr intensiv. Man ist ja auch ständig in Bewegung. Selbst im Tourbus, wenn man schläft, ist man in Bewegung. Und das ist sehr anstrengend. Außerdem vermisse ich meine Kinder und meinen Partner. Aber wenn man dann erst einmal auf der Bühne steht und die Verbindung zu dem Publikum spürt, weiß man, dass es das wert ist.
Andy: Gestern haben wir in Hamburg gespielt und uns beiden war nicht wirklich danach auf die Bühne zu gehen. Du weißt nie, ob dein Körper genügend Energie aufbringt. Aber dann, zehn Minuten vor dem Auftritt, wachst du plötzlich auf. Das ist wohl so was wie Adrenalin. Die Show gestern haben wir zumindest dann noch sehr genossen, miteinander zu Musik zu machen und gemeinsam Zeit zu verbringen.
Echo-Live: Als ihr 2004 auseinander gegangen seid, hieß es, dass ein Grund für die Pause der gefühlte Druck der Musikindustrie war. Fühlt ihr diesen Druck jetzt nicht mehr oder habt ihr einen Weg gefunden, damit anders umzugehen?
Lou: Es war weniger die Musikindustrie an sich, sondern mehr, dass wir einen Vertrag mit einer Major-Plattenfirma hatten und die Beziehung sehr merkwürdig wurde. Das Interesse einer Major-Plattenfirma ist es, möglichst viele Platten zu verkaufen. Wir sind jedoch keine typische Band, die Musik macht, um Platten zu verkaufen. Wir machen Musik, weil wir es lieben Musik zu spielen. Und daher wurde das sehr schwierig. Außerdem hatten wir zu dem Zeitpunkt bereits vier Alben in zehn Jahren aufgenommen und standen dann an einem Punkt, an dem wir nicht wussten, wie es weiter gehen soltel.
Andy: Wir kündigten den Vertrag mit dem Platten-Label. Es fühlte sich einfach richtig an, etwas anderes zu machen.
Lou: Ja, sie haben uns aus dem Vertrag entlassen, was großartig war. Als wir uns entschieden haben wieder zurück zu kommen und ein neues Album zu machen, war uns klar, dass wir es nun selbst in Hand nehmen würden. Nicht mit einem anderen Plattenlabel.
Echo-Live: Nach einer langen Pause, hattet ihr beide also das Gefühl, dass es Zeit wurde für ein neues Album. Wie kam es dazu? Habt ihr die Zusammenarbeit mit dem jeweils anderen vermisst?
Andy: Es waren einige Gründe. Wir wurden für sechs Shows im Sommer 2009 gebucht – aus diesen sechs wurden 36 Auftritte. Ich wollte ein Album machen, dass nicht so war wie die Vorherigen, sondern etwas Neues und Aufregendes. So wie das erste Album. Weniger durchproduziert, sondern energiegeladen.
Lou: Als wir über das neue Album sprachen, fühlte ich genauso. Wir hatten uns und unseren Weg während der vier Alben irgendwie verloren und das spürten wir beide, wenn wir uns das erste Album anhörten.
Andy: Wir hatten ja auch in den fünf Jahren der Pause genügend Zeit uns die alten Alben anzuhören und das Erste hatte schlicht etwas Magisches.
Echo-Live: Und glaubt ihr, dass es euch gelungen ist, dieses Gefühl nun auf eurem fünften Album “5” zurück zu bringen?
Lou: Wir haben nicht versucht, eine Neuauflage des ersten Album aufzunehmen. Es wäre albern, jetzt die Musik machen zu wollen, die wir in den frühen 90ern gespielt haben. Es ging uns mehr um die Essenz des ersten Albums. Um die Schlichtheit und Rohheit. Bei unserem Debüt hatten wir kaum Studio-Equipment. Wir waren also notwendigerweise dazu gehalten, alles möglichst schlicht und einfach aufzunehmen. Und wir waren naiv. Es waren quasi die ersten Tage des frühen Breakbeat und wir waren ein Teil von. Diese Magie spürst du. Bei unserem neuen Album sind wir nun wieder ohne ein Vorkonzept rangegangen, ohne eine Plattenfirma, die uns unter Druck setzt. Es war fast wieder so, als würden wir unsere erste Platte machen. Wir waren frei und konnten das machen, was wir auch wirklich machen wollten - zurück zu Schlichtheit und Rohheit.
Echo-Live: Lou, du hast die Arbeit bei Lamb als ein „wir“ beschrieben, während du bei deinem Soloprojekt sehr auf das „ich“ fokussiert warst. Fühlt ihr euch als ein Team?
Lou: Mehr denn je sogar, weil wir uns nun bereits so lange und so gut kennen. Auch wenn ich mein Solo-Projekt wirklich wollte und brauchte, bemerkte ich, dass ich Andys Energie vermisste. Mir fehlte seine Yang-Energie, seine direkte Art und seine Kraft. Ich bin das typische Ying, weiblich und manchmal zu zurückhaltend. Daher arbeiten unsere Energien in einer guten Dynamik bei Lamb und das fühlt sich großartig an.
Andy: Und es ist ja auch so, dass wenn wir zusammen arbeiten, dabei etwas entsteht, was wir ohne den Anderen nie spielen würden. Und das meine ich nicht als eine Art Kompromissfindung bei der Musik, sondern wir schaffen bei der gemeinsamen Arbeit etwas Besonderes.
Lou: Wenn wir zusammen sind, kommt etwas immer etwas verrücktes dabei raus. (lacht)
Echo-Live: Wie läuft die Zusammenarbeit im Studio ab? Gibt es routinierte Abläufe zwischen euch? Wie entsteht ein Song?
Andy: Wir haben keinen Plan im Vorfeld, denn wir haben festgestellt, dass je weniger wir planen, desto mehr Kreativität entsteht und umso außergewöhnlicher wird ein Song.
Lou: Wenn wir so etwas wir eine Routine haben, dann darin wie wir uns unsere Ideen gegenseitig vorstellen: nämlich in ihrer einfachsten Form, von der Basis aus. Da kommen wir wieder zu dem Punkt, die Dinge möglichst roh zu belassen. Die Songs, die wir schreiben basieren auf wirklich einfachen Ideen und dann beginnt ein Prozess und es entwickelt sich etwas. Indem wir uns gegenseitig Ideen zuwerfen, lassen wir gemeinsam etwas entstehen. Es würde nicht funktionieren, wenn einer von uns dem Anderen etwas vorgibt.
Echo-Live: In der Presseinfo zu „5“ steht, dass Lou sich auf dem Album mit der Frage beschäftigt, ob man bei all den Nackenschlägen des Lebens noch wagen dürfte zu träumen..
Lou: (sehr überrascht) …Wirklich? Kreative Presseinfo (lacht). Natürlich geht es auf dem Album darum, Dinge in Frage zu stellen, um die eigene Existenz und dem Gefühl, dass einem etwas im Leben fehlt. Aber da ist dennoch Raum für Träume. Ich glaube daran, dass wenn etwas geträumt, es auch in die Realität umgesetzt werden kann.
Echo-Live: Was ist euer persönliches Lieblingslied auf dem neuen Album und warum?
Lou und Andy gleichzeitig: Rounds!
Andy: Wir beiden mögen den Song sehr gerne, vor allem auch ihn live zu spielen. Wobei das ganze Album toll live gespielt werden kann. Normaleweise eigneten sich bisher vielleicht nur drei bis vier Lieder eines Albums richtig gut, um sie live zu spielen. Aber auf diesem Album ist es anders. Ich denke, bei „5“ kamen wir vom Touren und haben ein Album angelehnt an die Art wie wir spielen produziert. Davor haben wir angepasst an die Alben unsere Shows gespielt.
Echo-Live: Eure Fans haben sich sicher sehr über ein neues Album und die Möglichkeit euch wieder live zu sehen gefreut. Gab es eine Reaktion, die euch in Erinnerung geblieben ist?
Lou: Ja, gerade gestern Abend als wir nach der Show CDs signierten. Da kam dieser Kerl zu uns, der sich wohl vorher schon genau überlegt hat was er uns sagen wollte…
Andy: …er sagte, dass er eine Liste mit Leuten führt, denen er vor seinem Tod für bestimmte Sachen danken möchte. Er hat am ganzen Körper gezittert.
Lou: Er wollte uns danken und bat uns weiterzumachen. Man sah richtig, dass es ihm schwer fiel und es eine große Sache für ihn war. Das hat uns sehr gerührt und bewegt.
Echo-Live: Gibt es eine Band, die ihr gerne sehen würdet, wenn ihr die Möglichkeit dazu noch mal hättet?
Lou: Meine Söhne gehen auf ein Konzert von James Blake und das nervt mich, weil ich nicht mit kommen kann, weil ich nicht daheim sein werde und dabei habe ich sogar die Tickets gekauft.
Andy: Gäbe es die Möglichkeit, würde ich gerne Led Zeppelin in der Original-Besetzung sehen. Das wäre großartig!
Lou: Auch tote Musiker? Dann auf jeden Fall Jimmy Hendrix und Elliott Smith.
Echo-Live: Gibt es schon weitere Pläne? Wie sieht euer kommendes Jahr aus?
Andy: Das kommende Jahr ist bereits sehr voll. Lou wird produktiv sein und eine EP produzieren…
Lou: …ja! Im Januar.
Andy: Und ich werde ein Album mit einer anderen Band produzieren und dann kommen auch schon fast wieder die Festivals.
Lou: Im Februar sind wir zuvor noch einmal in Europa auf Tour, dann geht es nach Australien und nach den Festivals, am Ende des Sommers, werden wir an einem neuen Album arbeiten.
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.