„Wir hatten einfach Lust auf eine hellere Platte“

Kettcar

"So wichtig nehmen wir uns nicht" erklärt Erik Langer (2. von rechts) im Interview mit Echo-Live. Foto: GHVC

Mit ihrem neuen, mittlerweile vierten Album "zwischen den Runden" steuern die Hamburger Indie-Rocker Kettcar nach ihrem wütenden 2008er Werk "Sylt" in ruhigere musikalische Gefilde. Auch textlich lassen Marcus Wiebusch & Co. Milde walten und legen ihren Fokus wieder deutlich stärker auf Geschichten und das Zwischenmenschliche, was vor allem Fans begeistert zur Kenntnis nehmen. Auch die Kritiker zeigen sich überaus angetan und sprechen vom bis dato "reifsten Album" der Hanseaten. Im Februar wird "Zwischen den Runden" nun auf großer Tournee live vorgestellt. Echo-Live sprach vorab mit Gitarrist Erik Langer über neue musikalische Wege, verfehlte Kulturpolitik und leidenschaftliche Fans.

Kettcar - "Zwischen den Runden"
Kettcar - "Zwischen den Runden" (GHVC / Indigo) Foto: GHVC
Echo-Live: Nachdem euer letztes Album „Sylt“ ziemlich düster und schwer ausfiel, überrascht das neue Werk durch eine enorme Vielfältigkeit, sowohl musikalisch als auch textlich.

Erik Langer: Warum überrascht dich das?

Echo-Live: Der Zustand der Gesellschaft hat sich kaum verbessert - man hätte eigentlich erwartet, dass das neue Album noch deutlich härtere Töne anschlägt.

Erik Langer: Ja, da ist schon etwas dran.

Echo-Live: Das neue Album „Zwischen den Runden“ wirkt ein bisschen wie eine Bestandsaufnahme eures bisherigen Schaffens.

Erik Langer: Nicht unbedingt. Wir hatten einfach das Gefühl, uns bei „Sylt“ an der einen Richtung schon weitestgehend abgearbeitet zu haben und hatten auch durchaus Lust auf eine etwas hellere Platte. Vor allem war der klare Plan, noch bevor mit dem neuen Album angefangen haben, uns nicht wieder so ein Dogma aufzuerlegen, wie das bei „Sylt“ der Fall war, sondern das einfach auf uns zukommen zu lassen und zu schauen, was dabei herauskommt. Ich denke, dass hierin auch die Erklärung liegt, warum das neue Album so heterogen geworden ist. Und ich denke schon, dass wir mit „Zwischen den Runden“ durchaus auch, zumindest bei einigen Stücken, Neuland betreten.

Echo-Live: Allerdings spart ihr nicht mit Kritik an Eurer Heimatstadt – „Schrilles, buntes Hamburg“ empört sich über die Gentrifizierung und den Kunst- und Kulturbetrieb eurer Heimatstadt. Was genau stinkt euch an Hamburg?

Erik Langer: Wir sind ja nach wie vor dort zuhause und haben auch keine Ambitionen, dort wegzuziehen. Da muss schon noch einiges passieren (lacht). Wir lieben es, dort zu leben, aber gerade deshalb fühlen wir uns auch dazu berufen, Kritik an der Stadt zu üben, wenn diese nötig ist. Bei „Schrilles, buntes Hamburg“ geht es konkret um die Entwicklung der Hamburger Kulturpolitik in den letzten Jahren. Man hat immer mehr das Gefühl, dass Kultur in dieser Stadt nur noch unter kommerziellen Gesichtspunkten passieren darf und wenn sich etwas nicht hundertprozentig trägt, muss es weg. So sterben dann auf der einen Seite zum Teil altehrwürdige Institutionen oder auch diverse Clubs und auf der anderen Seite werden dann Abermillionen in ein Leuchtturmprojekt wie die Elbphilharmonie gesteckt. Darüber kann man durchaus sehr wütend werden.

Echo-Live: Musikalisch ist „Zwischen den Runden“ sehr versöhnlich und ruhig geraten. Inwiefern hat sich eure Akustiktour, die ihr 2009 mit Streichern der Neuen Philharmonie Frankfurt unternommen habt auf das neue Album ausgewirkt? Ist das eine Richtung, die ihr weiter verfolgen werdet oder einfach nur einer weitere Farbe im Kettcarschen Klangkosmos?

Erik Langer: Ich kann noch nicht sagen, wie sich das weiterentwickeln wird. Das wird sich zeigen, wenn wir an das nächste Album gehen. Wir haben auf jeden Fall bei der Akustik-Tour gemerkt, dass es toll ist, gemeinsam mit einem Streichquartett Musik zu machen, und dass diese neue Instrumentierung Nuancen an unseren Songs freilegt, die wir vorher so noch nicht kannten. Insofern haben sich diese Konzerte eventuell unbewusst auf das Songwriting ausgewirkt. Ich denke aber, dass die Instrumentierung und die Arrangements der neuen Stücke vor allem mit unserer offenen Herangehensweise an diese Platte zu tun haben. Ein weiterer Punkt war, dass wir wieder mehr Geschichten erzählen wollten, also etwas weg von diesen assoziativen Texten, und wir hierfür einfach einen anderen musikalischen Weg gehen wollten.

Echo-Live: Neu ist an „Zwischen den Runden“ auch die Tatsache, dass das Songwriting erstmals fast gleichberechtigt auf zwei Schultern verteilt wurde – neben eurem Sänger und Hauptsongschreiber Marcus Wiebusch stammen fünf der zwölf Songs aus der Feder von Bassist Reimer Bustorff. Wie kam es dazu? Und wie schwer oder leicht fiel euch als Band der Umgang mit einem „neuen“ Songwriter? Ich finde, die Songs harmonieren sehr gut…

Erik Langer: Wirklich „neu“ ist die Situation ja nicht – Reimer hat bereits vorher schon Texte geschrieben und musikalisch passt das ebenfalls gut zusammen. Wir haben das aber auch schon immer so gehandhabt, dass ein Song, egal von wem er kommt, einfach passen und gefallen muss. Dann wird gemeinsam daran gefeilt und schließlich wird ein Kettcar-Song daraus. Reimer hat das wunderbar hinbekommen und für Marcus war das auf jeden Fall eine Erleichterung und es war ihm wohl auch sehr willkommen, da er mittlerweile einfach länger an seinen Songs und vor allem an den Texten arbeitet.

Echo-Live: Marcus und Reimer betreiben gemeinsam mit Thees Uhlmann das gemeinsame Label Grand Hotel Van Cleef, bei dem auch Kettcar unter Vertrag ist. Einerseits bietet eine solche Konstellation natürlich enorme künstlerische Freiheit, andererseits ist Kettcar ja auch ein finanzielles Zugpferd von Grand Hotel Van Cleef. Steckt da nicht auch bei jedem neuen Album ein enormer Druck dahinter? Ihr habt ja mittlerweile über zwanzig weitere Bands unter Vertrag.

Erik Langer: Das ist auf jeden Fall ein Faktor, der auch eine gewisse Rolle spielt. Allerdings setzen wir uns sicher nicht hin und überlegen: „Hey, wir haben hier tolle zwölf Song, aber da muss jetzt noch so’n Radioklopfer her. Lasst uns da mal was schreiben.“ Das würde ganz sicher nicht funktionieren. Wir hätten vielleicht die Fähigkeit dazu, aber nicht den Willen (lacht). Das Label wurde ja damals gegründet, um die erste Kettcar- und die erste Tomte-Platte rauszubringen. Mittlerweile läuft das bereits seit zehn Jahren so und hat sich auch eingespielt. Marcus und Reimer haben irgendwann klar gemerkt, dass sie mehr Künstler sein möchten als Geschäftsmann, bzw. Labelbetreiber. Es gibt bei Grand Hotel Van Cleef dann Mitarbeiter, die das auffangen und Marcus und Reimer den Rücken frei halten, wenn es bei Kettcar an das Songwriting für eine neue Platte geht.

Echo-Live: Im Info zu eurer neuen Platte steht zu lesen: „Das Debüt „Du und wie viel von Deinen Freunden“ war eine Platte, die vieles geändert hat in der deutschen Musikszene. Kettcar gelten seither als Vorbild für viele neue deutsche Bands…“ – eine Meinung, die viele Fans und Kritiker sicher teilen. Aber ist das auch eine Rolle, in der ihr euch seht?

Erik Langer: Die Label-Info haben wir nicht selbst geschrieben (lacht)! Wir bekommen schon mit, dass sich einige Bands da draußen teilweise auf uns berufen. Das freut uns natürlich sehr, aber das ist ganz sicher nichts, was wir vor uns hertragen. So wichtig sind wir nicht und nehmen wir uns auch nicht.

Echo-Live: Ich habe auf einer Kettcar-Fanseite folgenden Satz entdeckt: „Wenn die Musik von Kettcar ein Mensch wäre, wünschte ich, es wäre mein großer Bruder.“ Was ist das für ein Gefühl, Menschen soviel zu bedeuten?

Erik Langer: Manchmal bekommen wir mit, dass unsere Musik Leuten in schwierigen Situationen geholfen hat. Da erschrecke ich mich mitunter etwas, denn darin liegt auch eine Verantwortung, die wir eigentlich gar nicht übernehmen können. Es ist aber natürlich schön, wenn man jemandem mit seiner Musik helfen kann. Das stärkste Gefühl hat man eigentlich bei den Konzerten, wenn die ersten drei Reihen komplett am Mitsingen oder am Heulen sind und da diese große Energie im Raum zu spüren ist. Da gibt es manchmal Momente, wo wir nach dem Konzert von der Bühne gehen und einfach gar nichts mehr sagen können, einfach, weil wir komplett überwältigt sind. Das sind Momente, für die man sein Leben lang dankbar ist.

Echo-Live: Ihr geht ab Ende Februar auf Tournee. Was wird die Fans erwarten? Opulente Akustikshow? Amtliches Rockentertainment? Ihr habt eure Konzertreisen in den vergangenen Jahren ja ganz unterschiedlich gestaltet.

Erik Langer: Wir werden natürlich viel vom neuen Album spielen, aber ich denke, dass jeder Fan auf seine Kosten kommen wird. Die Konzerte werden aber sicher auch ein klein Wenig akustischer und ruhiger werden als in den letzten Jahren. Ansonsten werden es klassische Kettcar-Konzerte und wir hoffen, dass wir die Leute auch diesmal ohne Kostüme und Pyroshow glücklich machen werden (lacht).

Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.


Kettcar live: Sa. 25.02., 20.00 Uhr, Hugenottenhalle, Neu-Isenburg


20.02.2012, Benjamin Metz

 
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