
Angy Lord und Tanja Pippi sind Jolly Goods. Hier im Interview mit Echo-Live. Foto: Stefan Holtzem
Jolly Goods sind die Schwestern Tanja Pippi und Angy Lord. Ihre Musik – zwischen Grunge, Punkrock und jede Menge Riot Grrl-Attitüde, fernab von leicht fassbaren Indierock und Mädchenmusik – ist eine feministische Ansage gegen Gender-Dichotomie. Mit „Walrus“ ist nun das zweite Album der beiden erschienen, das sie im Februar in Darmstadt mit einem beeindruckend starken und lauten Konzert im Künstlerkeller präsentiert haben. Echo-Live Redakteurin Jasmina Sinko traf sie zum Gespräch.
Echo-Live: Ihr kommt ursprünglich aus Rimbach im Odenwald und lebt nun in Berlin. Ist der Auftritt in Darmstadt und somit nah der Heimat etwas Besonderes für euch? Freut ihr euch, vielleicht bekannte Gesichter zu sehen?
Angy Lord: Wir haben im September bereits in Darmstadt auf dem
Ladyfest gespielt. Das Publikum war sehr nett. Es waren auch ein paar Bekannte dort.
Tanja Pippi: Ich würde nicht sagen, dass es ein spezielles Gefühl
auslöst. Ich kenne hier gar nicht viele Leute. Wenn alte Bekannte da sind, ist das manchmal etwas komisch, das fühlt sich dann so an, als ob meine Vergangenheit in meine Gegenwart läuft, das wünsche ich mir nicht.
Echo-Live: Zwischen eurem Debüt „Her.barium“ und eurem neuen Album „Walrus“ sind vier Jahre vergangen. Eine verhältnismäßig lange Zeit. Habt ihr so lange dafür gebraucht oder habt ihr euch in der Zwischenzeit mit anderen Dingen beschäftigt?
Tanja Pippi: Wir haben versucht uns weiterzuentwickeln und hatten keine Lust uns zu wiederholen. Das neue Album sollte nicht wie Her.Barium sein. Daher haben wir uns Zeit gelassen und es hat auch eine Weile gedauert, bis wir wussten, wie es sein sollte und wir zufrieden damit waren. Wir haben in dieser Zeit viele Songs aufgenommen, die wir dann wieder verändert oder verworfen haben.
Echo-Live: In welche Richtung hat sich eure Musik verändert? In welchen Punkten unterscheidet sich „Walrus“ zu eurem Vorgängeralbum? Gab es Leute, die euch in Berlin beim kreativen Prozess unterstützt haben?
Tanja Pippi: Bei Her.Barium gab es viel Gebrüll und Statements aus dem
Bauch herausgekotzt. Dieses Mal war ich beim Schreiben der Songs auf
der Suche nach Melodien und dem Erzählen einer Geschichte. Hans Unstern hat uns von Anfang an beim Enstehungsprozess des Albums unterstützt.
Echo-Live: Neben Hans Unstern wurde „Walrus“ auch von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow produziert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Angy Lord: Dirk hat sich mit Moses Schneider, der unser erstes Album
gemischt hat, in einer Bar unterhalten und Dirk meinte dabei, dass er
gerne mal die Jolly Goods produzieren würde. Moses hat uns davon
erzählt und wusste nicht ob es Dirk ernst meinte. Wir dachten nur:
eine grandiose Idee! Wir selbst wären nicht darauf gekommen.
Echo-Live: Ihr spielt ohne Bass und habt in früheren Gesprächen betont, dass ihr eure Musik auf das Nötigste reduzieren wollt. Auf „Walrus“ sind nun aber auch Kontrabass, Orgel und andere Instrumente zu hören. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Angy Lord: Auf Walrus wollten wir eine Song-orientierte Arbeitsweise
mit mehr Melodien und Gesang. Dafür haben Schlagzeug und Gitarre
allein nicht mehr ausgereicht.
Tanja Pippi:Die Songs haben es von uns gefordert und wir wollten uns nicht verweigern. Es gab einige Leute um uns herum, die nicht begeistert davon waren, dass wir unser Konzept von “nur Gitarre und Schlagzeug” ändern wollten.
Echo-Live: Ihr seid Schwestern. Wie ist euer Verhältnis untereinander? Unterscheidet es sich, je nach dem was ihr gerade macht? Seht ihr euch als Familie, Freundinnen oder Bandmitglieder?
Angy Lord: Das ist eine gute Frage. Ich habe mir nie darüber Gedanken gemacht. Du?
Tanja Pippi: Nicht direkt, aber ich denke, dass die Band als unser
gemeinsames Projekt uns geholfen hat, Nähe aufzubauen und uns zusammen
geschweißt hat. Wir sind dadurch mehr zu Freundinnen als nur
Schwestern geworden - wo auch immer der Unterschied liegt. Für mich
spielt es keine Rolle, dass wir Schwestern sind. Vielmehr, dass
wir soviel gemeinsam haben, uns verstehen und die selben Ticks haben.
Angy Lord: Durch unsere gemeinsame Vergangenheit können wir besser
miteinander reden als mit anderen Menschen. Über die Frage was uns
verbindet, muss ich noch mal nachdenken. Oftmals verstehen wir uns nur
durch Blicke. (lacht)
Echo-Live: Den Eindruck habe ich auch von euch beiden. An Jolly Goods haftet das Etikett „Riot Grrls“ und auch „Walrus“ wird in der Presse wieder als feministisches Album beschrieben. Letzten Spätherbst seid ihr auf dem Ladyfest in Darmstadt aufgetreten. Das Musikvideo zu „Try“ spielt mit Androgynität und thematisiert somit die eingrenzende Gender-Dualität. Wie steht ihr zum modernen Feminismus und ist eure Musik ein bewusstes politisches Statement?
Angy Lord: Es ist nicht unbedingt unser Ziel eine politische Aussage zu machen, sondern...
Tanja Pippi: ...ich kann für mich nicht so wirklich einen Unterschied
festmachen. Alles ist politisch. Bei der Frage danach warum Dinge so
sind wie sie sind ist die Antwort auch immer in den Verhältnissen in
der Gesellschaft zu finden, was es zu einem Politikum macht.
Die Riot Grrrl Bewegung ist leider nie wirklich in Deutschland angekommen, bzw. wurde zu süßem Girlietum verwässert. So finde ich Ladyfeste, als Erbe der Riot Grrrl Bewegung, wichtig und gut, weil sie hier einen tatsächlichen Effekt haben.dass sonst überall Männer dominieren. Es ist löst ein ganz anderes Gefühl aus.
Echo-Live: In eurem Song „If I were a woman“ fällt der Satz „All I know is that I wish I was a walrus". Ein Dilemma, dem der Feminismus unterliegt, ist, dass man mit der Benennung von Missständen und der Diskriminierung auch wieder zum Systemerhalt mit beiträgt, weil man bspw. Frauen dadurch in eine Sonderrolle drängt. Was könnte ein sinnvoller Weg sein, um mit dem Thema umzugehen?
Tanja Pippi: Wir sind leider noch zu arg im Problem drin, als das wir sagen könnten, lass es uns ignorieren und so tun, als gäbe es keines. Ungerechtigkeiten werden nicht aus der Welt geschafft, indem sie ignoriert werden. Es muss thematisiert werden, sonst ändert sich nichts. Man drängt Frauen nicht in eine Sonderrolle weil man thematisiert wie sie behandelt werden, die Sonderrolle existiert bereits und wird dadurch nur sichtbar gemacht, was positiv ist, weil es zu Veränderungen beiträgt. Es besteht die Angst, dass wenn Frauen sich als Feministinnen bekennen, sie auf ihr Frau-sein beschränkt werden, was nicht wirklich von Vorteil ist. Wenn man es aber nicht anspricht, wird sich auch an der ganzen Sache nichts ändern.
Echo-Live: Ihr hinterfragt Rollenbilder, lasst euch mit Bart fotografieren und seid manchmal „unbequem“ für die Presse. Glaubt ihr, dass ihr als Band und Musikerinnen anders wahrgenommen würdet, wenn ihr nicht „Störenfriede“ wärt?
Angy Lord: Wir sind als Band auf jeden Fall nicht klar einzuordnen und viele brauchen Schubladen.
Tanja Pippi: Ich denke auf jeden Fall, dass wir es einfacher haben könnten, wenn wir bestimmten Klischees erfüllen würden. Aber das ist uns total fern. Wir waren und sind da schon immer konsequent und radikal.
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.