
"Ich bin der Gitarrist, ich schreibe die Songs " - John Petrucci von Dream Theater im Gespräch mit Echo-Live. Foto: Felipe Fernandes
Dream Theater aus New York gelten bereits seit Jahren als Könige des Progressive-Metal und haben mit Alben wie "Images and Words", "Scenes from a memory" oder zuletzt mit "Black Clouds & Silver Linings" eindrucksvoll die ausufernden Klanglandschaften von 70er Jahre Bands wie Pink Floyd, Yes oder Genesis mit der Wucht des Metal vereint. 2010 verließ Schlagzeuger und Bandmitbegründer Mike Portnoy Dream Theater. Ein Umstand, der dem Schaffensdrang der New Yorker indes keinen Abbruch tat, lag doch exakt ein Jahr nach dem Ausstieg des Weltklasse-Drummers mit "A Dramatic Turn of Events" ein neues Album vor, das die Band aktuell auf großer Welttournee live vorstellt. Im Rahmen ihres Konzertes in der Offenbacher Stadthalle traf Echo-Live Redakteur Benjamin Metz Dream Theater-Gitarrist John Petrucci zum Gespräch.
Echo-Live: Das Progressive Rock Magazin schreibt, dass ihr mit eurem neuen Album „A Dramatic Turn Of Events“ wieder vermehrt auf eure traditionellen musikalischen Stärken setzt. Man hätte nach dem Ausstieg eures langjährigen Drummers und Mitgründer Mike Portnoy eigentlich eher vermutet, dass das neue Album musikalisch neue Wege geht, denn nun ist sicher mehr kreativer Freiraum in der Band als unter dem recht bestimmenden Portnoy. War die Rückkehr zum klassischen Dream Theater Sound auch ein Signal an die Fans, nach dem Motto „Wir sind immer noch die Alten“?
John Petrucci: Wir sind ja auch die Alten geblieben (lacht). Im Ernst: Die kreative Freiheit war immer da. Ich schreibe ja auch schon seit Anbeginn der Band die Musik, insofern hat sich durch Mikes Weggang hieran nicht wirklich etwas verändert. Wir haben die Band gegründet, wir haben großartige Musik zusammen gemacht und Mike war sicher ein wichtiger Einfluss für die Band aber ich bin der Gitarrist, ich schreibe die Songs und hör’ dir das neue Album an – ganz klar Dream Theater, oder? Es hat sich nichts geändert. Wir hatten auch kein Signal an die Fans im Sinn, denn wir schreiben immer die Musik, die aus uns heraus möchte, die uns berührt. Alles andere wäre aufgesetzt und nicht aufrichtig.
Echo-Live: Bezieht sich der Titel "A Dramatic Turn Of Events" eigentlich primär auf das allgemeine aktuelle Weltgeschehen oder ist er auch auf die Umbrüche in der Band zu verstehen?
John Petrucci: Den Titel kann man natürlich sehr gut in beide Richtungen interpretieren. Ich habe sehr lange nach einem Titel gesucht und hatte auch jede Menge Ideen. Es war mir wichtig, einen Titel zu finden, der die ganzen Themen, die die Songs auf dem Album behandeln adäquat zusammenfasst. Als dann schließlich „A Dramatic Turn of Events“ als Idee da war, dachte ich nur: „Das ist perfekt!“ Wie du schon gesagt hast, bringt der Titel auch das aktuelle Weltgeschehen sehr gut auf den Punkt. Einige Zeit später kam mir dann in den Sinn, dass die Leute natürlich auch die Entwicklung in der Band damit assoziieren könnten. Das ist aber ok.
Echo-Live: Wie hat sich denn der neue Drummer Mike Mangini bei euch eingelebt? Er hat ein schweres Erbe anzutreten. Wie haben die Fans auf der Tour bisher aufgenommen?
John Petrucci: Sehr, sehr gut, unsere Fans sind wirklich unglaublich. Er wird jeden Abend mit großem Hallo willkommen geheißen. Und auch wir sind glücklich, ihn für die Band gewonnen zu haben, denn Mike hat auf dem neuen Album phänomenal gespielt. Er ist definitiv ein Unikat. Man kann sich nicht mit ihm unterhalten, zusammenspielen oder ihm beim Trommeln zuhören ohne sofort zu denken: „Wow – was für ein Typ!“ Und das merken auch die Fans. Seit unserem ersten Gig der Tour, in Rom im Juli letzten Jahres, haben sie ihn sofort in ihr Herz geschlossen.
Echo-Live: Du hast das neue Album produziert und mit Paul Northfield (Technik) und Andy Wallace (Mix) zwei absolute Produzenten-Größen an der Seite. Dann waren da noch deine überaus versierten Bandkollegen. Könner und Perfektionisten allesamt – in einem solchen Kreis dürften Diskussionen vorprogrammiert sein. War es anstrengend, die Zügel in der Hand zu behalten?
John Petrucci: Nein, überhaupt nicht. Ich war der alleinige Produzent und Teil des Produzentenjobs ist es auch, sich die Leute auszusuchen, die gemeinsam mit einem arbeiten. Das waren also genau die Leute, die ich an meiner Seite gewünscht habe. Paul ist ein großartiger Techniker, Andy eine echte Legende, mit der ich schon immer mal zusammenarbeiten wollte. Das lief alles sehr ruhig und harmonisch ab. Harte Arbeit zwar, aber ein echtes Vergnügen. Und mit den Jungs aus der Band ist es ohnehin niemals schwierig. Sie vertrauen mir alle, sind immer bestens vorbereitet und natürlich allesamt absolute Könner.
Echo-Live: Ihr seid mit dem neuen Album aktuell auf Welttournee und habt ein amtliches Pensum zu bewältigen, denn die Länge eurer Konzerte ist beeindruckend – ihr spielt nicht selten drei Stunden und mehr. Wie haltet ihr das auf Dauer durch? Ich stelle mir solche allabendlichen Konzertmarathons auf Dauer ziemlich anstrengend vor. Nicht nur körperlich, sonder auch in Bezug auf die Konzentration - Eure Musik ist ja auch technisch enorm anspruchsvoll.
John Petrucci: Auf dieser Tour spielen wir nicht ganz solange, eher so um die zwei Stunden. Aber auch das ist schon eine recht lange Zeit und es ist in der Tat sehr fordernd, vor allem körperlich. Natürlich am meisten für den Drummer – ich frage mich manchmal echt, wie Mike das jeden Abend schafft (lacht). Anstrengend sind aber vor allem die Proben, bis die Musikauswahl steht, wir gut eingespielt sind, das ganze Bühnenset und Lichtdesign fertig ist. Wenn das alles endlich steht, fühlt sich das eigentliche Konzert für uns alle sehr natürlich an.
Echo-Live: Ihr habt auf euren Tourneen bisher traditionell ständig die Setlist eurer Konzerte gewechselt und stets darauf geachtet, dass ihr euch in den verschiedenen Städten nicht wiederholt und den Fans immer eine andere Setlist präsentiert. Wird das immer noch so gehandhabt? Macht ihr das in erster Linie, um die Fans immer wieder zu überraschen oder haltet ihr mit solchen Aktionen auch die Konzertabläufe für euch selbst stets spannend?
John Petrucci: Wir haben das früher so gemacht, stimmt. Auf dieser Tour sind wir allerdings davon abgekommen. Wir haben jetzt zwei Setlisten, zwischen denen wir regelmäßig wechseln. Das kommt der Show auf jeden Fall zugute, denn so wird der Ablauf wesentlich vereinfacht und die Ganze Produktion wirkt einfach besser. Das frühere Konzept der ständig wechselnden Setlist ging stark von Mike Portnoy aus, der ein großer Fan von Bands wie den Grateful Dead oder Künstlern wir Fish und Frank Zappa ist, die das alle ähnlich gehandhabt haben. Wir sind aber keine Jam-Band, weiß Du? Bei uns hat hier leider nicht selten die Professionalität gelitten, denn die Crew konnte sich nur schwer auf das Konzert einstellen. Licht und Ton mussten permanent jeden Abend neu eingestellt werden und auch für uns als Band war es nicht von Vorteil, diese Tonnen an Musik einstudieren zu müssen. Was nicht heißt, dass ich das Konzept schlecht gefunden hätte, es war nur eben schwer umzusetzen.
Jetzt spielen wir Shows, die eher mit denen von Rush oder Metallica vergleichbar sind.
Echo-Live: Dream Theater sind selbst immer auch Fans geblieben – Ihr verneigt euch vor euren Helden, indem ihr ganze Alben von Iron Maiden, Deep Purple, Pink Floyd und anderen bei euren Konzerten als „Zugaben“ spielt. Es gibt mittlerweile auch immer mehr professionelle Tributebands, die das Werk der Größen von einst kongenial auf die Bühne bringen, wie z.B. die Australian Pink Floyd Show oder The Musical Box aus Canada, die die Genesis Shows der 70er Jahre 1:1 auf die Bühne bringen. Was hältst Du von solchen Projekten. Irgendwie erinnern diese Bands an klassische Orchester, die die Musik alter Meister aufführen…
John Petrucci: Großartig! Ich meine, Coverbands gibt es ja schon immer und in jeder Stadt. Aber wenn Bands, das wirklich als „Tribute“ und auf einem Level wie die Australian Pink Floyd Show machen, ist das schon etwas Besonderes. Ich habe mir von der Band schon einiges angesehen und bin echt begeistert.
Echo-Live: Würde euch denn eine Dream Theater Tribute-Band gefallen? Die müsste allerdings technisch sehr versiert sein, oder? Du giltst als einer der virtuosesten Rockgitarristen weltweit.
John Petrucci: Da gibt es wohl sogar schon einige. Und technische Versiertheit ist da ja durchaus auch vorhanden. Es gibt so viele gute Gitarristen da draußen und die werden immer jünger und jünger (lacht).
Echo-Live: Wie sehen deine weiteren Pläne aus? Reaktiviert ihr noch mal euer Sideprojekt Liquid Tension Experiment oder gehst Du mal wieder mit Gitarrengott Joe Satriani auf seine legendäre 3G Tour? Nicht wenige Leute warten auch auf einer Nachfolger deines Solodebüts „Suspended Animation“ von 2005…
John Petrucci: Was Liquid Tension Experiment anbelangt, kann ich im Moment nicht Konkretes sagen. Es gibt erstmal keine Pläne, das weiterzuführen, aber wer weiß?! Mit der Band haben wir jetzt erstmal ein aufregendes Wochenende vor uns, weil wir unsere erste Grammy-Nominierung erhalten haben und zu den Grammys eingeladen sind. Anschließend geht es mit der Tour weiter. Und zu meiner Soloarbeit kann ich nur sagen, dass ich mich mehr als schuldig fühle (lacht). Ich hätte schon längst einen Nachfolger für „Suspended Animation“ präsentieren sollen. Aber ich habe schon eine Menge hierfür geschrieben und hoffe mal, dass ich im Anschluss an die Tour daran weiterarbeiten kann.
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.