Echo-Live: Dillon, du spielst seit einigen Jahren bereits Konzerte und hast EPs veröffentlicht. Mit „The Silence Kills“ hast du jetzt aber den sogenannten Durchbruch geschafft. Bist du überrascht und wie geht es dir mit diesem Rummel um deine Person?
Dillon: Ich muss sagen, es hat sich für mich nichts geändert. Überhaupt nichts. Wir haben das Album 2010 fertig aufgenommen und daher kenne ich es länger als alle anderen. In den letzten Wochen und Monaten lag der Fokus auf der Fertigstellung des Albums. Also auf dem Druck, bei dem ich alles alleine gemacht habe. Ich habe die Fotos gemacht. Ich war in jedem Teil involviert und bis eine Woche vor Veröffentlichung gab es immer noch etwas zu tun, womit ich beschäftigt war. Seitdem das fertig ist, sind wir mit dem Live-Konzept und der Tour beschäftigt. Das heißt, es hat sich nichts verändert. Von dem drum herum bekomme ich nichts mit.
Echo-Live: Aber du spielst fast überall ausverkaufte Konzert...
Dillon: Das ist großartig. Das ist toll. Aber ich weiß nicht, ob ich mich daran gewöhnen möchte.
Echo-Live: Die Nachfrage ist zumindest da.
Dillon: Ja. Wir spielen ab Februar auch noch in größeren Locations. Das ist total super. Und gleichzeitig total absurd. Das kenne ich ja nicht. Und jedes mal ist es total überwältigend. Alles andere kriege ich dennoch nicht mit. Erst wenn ich auf der Bühne stehe und alle sehe – und das ist toll.
Echo-Live: Viele Leute und vor allem auch Journalisten versuchen Musik oft in eine Schublade zu stecken, dem ganzem einen Namen zu geben und tun sich bei dir und deiner Musik schwer. Auch verwirrt es zum Teil, dass du bei dem Elektro-Label Bpitch-Control unter Vertrag stehst. Verstehst du diesen Drang deiner Musik einen Namen zu geben? Hast du für deine Musik selbst einen Namen?
Dillon: Mir ist das eigentlich nicht wichtig. Aber ich verstehe, dass das viele Leute brauchen, auch wenn es für mich keine Rolle spielt. Mir ist immer wichtig zu betonen, dass es elektronische Musik ist. Dass es die Schnittstelle zwischen analoger und elektronischer Musik ist und das Vermischen und das Zelebrieren von Stille. Aber was anders fällt mir selbst dazu auch nicht ein. (lachen)
Echo-Live: Stille und elektronische Musik. Was genau meinst du damit und wie funktioniert das?
Dillon: An erster Stelle habe ich angefangen Musik zu machen, weil ich mit der Situation in der ich war, nicht mehr umgehen konnte. Die war sehr still. Als wir angefangen haben das Album aufzunehmen, ging es mir darum diese Stille aufrechtzuerhalten, sie zu verändern und was darum herum zu gestalten. Es gibt unglaublich viele stille Momente auf dem Album. Live auch.
Wir haben auch viel programmiert und Piano und andere Instrumente eingespielt. Es ging mir darum, dass alles miteinander zu vermischen, ohne das es zu viel von allem wird. Ohne dass es klaustrophobisch oder bedrückend wird, sondern immer wieder auch Platz für Stille zu schaffen.
Echo-Live: Was waren das für Gründe für die Stille? Was hat das bei dir ausgelöst?
Dillon: Alles. Der Grund zum Musikmachen war Einsamkeit und Verzweiflung und auch irgendwie das Gefühl zerstört zu sein. Ich habe einen Weg gesucht, um aus dieser Situation raus zu kommen. Es war einsam und still. Ich wollte die destruktive Stille in eine konstruktive Stille verändern. Darum ging es dann, wie gesagt, auch in der Albumproduktion. Die Stille zu verändern, aber sie nicht zu überspielen.
Echo-Live: In einem alten Interview von 2008 habe ich gelesen, dass du nicht den Fokus auf die Musik legen willst und angefangen hast Fotografie zu studieren. War das vor dieser Stille?
Dillon: Ich bin so wie ich bin, auch bevor ich angefangen habe Musik zu machen. Sachen verändern sich.
Echo-Live: Ich wollte verstehen, ob du eine Phase oder einen Charakter an sich beschreibst?
Dillon: Ich glaube, das war beides. Irgendwo eine Charaktereigenschaft, aber auch eine Lebensphase. Man kann das auch verwechseln. Da blickt man ja manchmal nicht so durch, ob es nun ein Teil von einem selbst ist oder ob es die Umstände sind.
Echo-Live: Du wirst mit Björk oder auch Lykke Li verglichen. Sind solche Vergleiche schmeichelnd oder eher nervend?
Dillon: Keines von beiden. Ich hab da keinen Bezug zu. Ich finde es weder schlecht noch gut. Es berührt mich in keiner Hinsicht.
Echo-Live: Gibt es Künstler, die dich für das Album im Speziellen inspiriert haben?
Dillon: Nein, es gab keine konkrete Inspiration. Es gab Ideen, Musikrichtungen, die ich mit einfließen lassen wollte. Abstraktes wie japanischer Noise, aber kein Künstler oder keine Künstlerin. Noise war auf jeden Fall mit drin.
Echo-Live: Japanischer Noise? Hört sich spannend an..
Dillon: ...Ja, gib das mal bei YouTube ein. (lachen)
Echo-Live: Hast du dein Studium auf Eis gelegt oder studierst du noch?
Dillon: Ich studiere immer noch Fotografie.
Echo-Live: Du wirst immer als die brasilianische Sängerin vorgestellt, obwohl du nur wenige Jahre dort und eigentlich dein ganzen Leben in Deutschland gelebt hast, bzw. lebst. Denkst du über deine Nationalität nach und wenn ja, als was fühlst du dich?
Dillon: Ich bin Brasilianerin und das gerne. Aber ich bin auch sehr Deutsch, auch wenn es nicht schwarz auf weiß geschrieben steht. Mir stört es nicht, dass es immer wieder betont wird. Es ist für mich mehr eine Erinnerung, denn ich bin weder typisch Brasilianisch noch typisch Deutsch, das verschmilzt ineinander. Ich stelle mir öfter die Fragen: „Was bin ich eigentlich? Wo fühle ich mich wohl?“ Wenn ich hier bin, fühle ich mich nicht Deutsch, in Brasilien fühle ich mich nicht Brasilianisch. Beides stört mich jedoch nicht.
Echo-Live: Ich hatte das Gefühl, dass das was zu dem deutschen Verständnis von Integration aussagt...
Dillon: Dass es Brasilien ist, macht es aber vielleicht auch interessanter als wenn es jetzt irgendein ein anderes Land wäre. Das scheint recht erwähnenswert zu sein.
Echo-Live: Du wirkst auf deinen Fotos recht nachdenklich, fast melancholisch. Das Album natürlich auch. Wie viel Konzept steckt in „This Silence Kills“?
Dillon: Alles hat Bezug. Wenn es nicht Hand in Hand geht, ist es eine Ergänzung zueinander. Es ist ein absolutes Gesamtkonzept. Vom Cover, über Typographie, Farben, Text, Layout, Playlist auf dem Album und live, Licht, Ton - einfach alles gehört zu einem Konzept.
Echo-Live: Und dennoch schwingt manchmal etwas Leichtes auf dem Album mit. Ist das gewollt?
Dillon: Ich sehe es nicht so. Aber dadurch das alles so offen gehalten ist, gibt es einen Spielraum, den jeder anders interpretieren kann. Und das finde ich gut. Meine Wahrnehmung von dem Album möchte ich niemanden aufdrücken.
Echo-Live: Wie würdest du rückblickend 2011 in wenigen Worten beschreiben und was wünscht du dir oder hast du dir vorgenommen für das neue Jahr?
Dillon: Oh, das mache ich nicht. Die Frage konnte ich schon einmal nicht beantworten. Für mich ist da kein Abschluss oder Beginn. Jeder Tag – so kitschig sich das auch anhört – sollte genutzt werden. Meine Mutter sagt: „Live is short, do what makes you happy“. Und so versuche ich auch in den Tag zu gehen. Das habe ich lange nicht gemacht. Ich finde nicht, dass ein Jahr, Geburtstag oder ein kulturelles oder religiöses Fest gebraucht wird, um einen Abschluss, einen Neubeginn, eine Verbesserung oder irgendetwas durchzuführen.
Echo-Live: Aber 2011 wird immer das Jahr sein, in dem du dein Debüt-Album veröffentlicht hast.
Dillon: Und das Jahr davor war das Jahr, in dem ich es geschrieben habe. Jedes Jahr und jeder Tag ist etwas Besonders. Du weißt nicht was passieren wird. Ich bin auch nicht in der Lage so weit nach vorne zu blicken. Ich „bin“ heute, vielleicht noch morgen bis 12 Uhr, aber dann weiß ich auch nicht mehr was passieren wird. Außer auf Tour, wo alles organisiert ist, aber grundsätzlich habe ich keinen Plan. Wie war denn dein Jahr?
Echo-Live: Für mich war 2011 ein gutes, ein helles Jahr, aber das heißt hoffentlich nicht, dass es nun vorbei ist. Ich mochte das Jahr mehr als die beiden Jahre zuvor.
Dillon: Ich kann das so für mich nicht sagen. Ich weiß nicht, wovon du redest. (lachen)
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.