
"Ich hatte noch nie einen Plan B" - Jacob Binzer von D-A-D im Gespräch mit Echo-Live. Foto: Dominik Gruszczyk
In ihrer nun fast dreißigjährigen Karriere haben die dänischen Powerrocker D-A-D allerhand Höhen und Tiefen durchlebt. Vom internationalen Durchbruch mit ihrem 89er Werk "No Fuel Left For Pilgrims" über den erfolglosen Versuch, die USA zu erobern bis zu weltweiten Konzerten vor einer treuen Fangemeinde kannte das Quartett aus Kopenhagen dabei stets nur eine Richtung – geradeaus. Im November vergangenen Jahres veröffentlichen D-A-D ihr nunmehr 11. Studioalbum „Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark“, das die Band im Rahmen ihrer Deutschlandtour auch live in der Frankfurter Batschkapp vorstellte. Echo-Live Redakteur Benjamin Metz nutzte die Gunst der Stunde und traf Gitarrist Jacob Binzer zum Gespräch.
Echo-Live: Ende vergangenen Jahres habt ihr euer 11. Album "Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark" veröffentlicht. Eure Alben bekommen stets gute Kritiken, doch ihre Produktion scheint ihre Zeit zu brauchen. 11 Alben in knapp 30 Jahren – das spricht eher für eine langsame Arbeitsweise. Wie perfektionistisch seid ihr?
Jacob Binzer: Wir schreiben einfach sehr lange an unseren Songs. In unserer Anfangszeit waren wir da wesentlich schneller, mittlerweile braucht es halt 3 bis 4 Jahre bis ein neues Album fertig ist. Allerdings gehen wir seit einigen Jahren auch immer mehr auf Tour, mittlerweile sogar einmal pro Jahr, und das unterbricht natürlich auch den Songwriting-Prozess und die Produktion im Studio. Wir können halt nur so schnell machen, wie es im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt.
Echo-Live: Während ihr in der Vergangenheit eure Studio- und Tourphasen eher getrennt gehalten habt, hattet Ihr während der Produktion des neuen Longplayer fast jedes Wochenende mehrere Festivalauftritte. Inwiefern hat das Eure Arbeit beeinflusst? Was ist anders, wenn man im Studio immer den Eindruck der Livererlebnisse vom letzten Wochenende vor Augen hat?
Jacob Binzer: Man sollte einfach nicht zu lange an einer Sache dran sein, daher ist es wirklich eine sehr gute Sache, das Studio auch mal zu verlassen und Gigs zu spielen. Man ist einfach als Band im Studio besser eingespielt, wenn man nebenher auch noch Konzerte spielt und es ist wirklich wichtig, dieses Live-Feeling auch auf Platte zu bekommen. Allerdings war es in unserem Falle etwas stressig, weil wir wirklich jedes Wochenende auf den Festivals im Sommer unterwegs waren. Und das war dann doch etwas zu viel – das Ganze sollte nicht unbedingt in zwei parallele Fulltime-Jobs ausarten.
Echo-Live: Ihr habt Teile von "Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark" hier im Frankfurter Studio 23 aufgenommen. Wie gefällt es euch hier in der Gegend? Fühlt sich euer Auftritt in der Batschkapp schon wie ein "Heimspiel" an?
Jacob Binzer: Irgendwie schon. Wir spielen schon seit so vielen Jahren immer wieder in der Batschkapp. Was die Arbeit anbelangt, kann man in Frankfurt eigentlich schön in Ruhe arbeiten, allerdings nicht, wenn man viele gute Freunde hier hat – wie wir (lacht). Es war aber trotzdem sehr gut, hierher zu kommen. Einfach, weil man hier nicht so sehr von seinem Alltag so abgelenkt ist wie zuhause in Kopenhagen. Man kann sich definitiv besser konzentrieren. Und wir hatten eine sehr gute Zeit im Studio 23, der Fokus lag klar auf der Musik.
Echo-Live: In Skandinavien und vor allem in eurer Heimat Dänemark seid ihr ja schon seit vielen Jahren eine absolute Größe und tretet in großen Hallen und bei bei Festivals wie dem legendären Roskilde als Headliner auf. Wie ist es eigentlich für euch, hier in Deutschland in den Clubs zu spielen? Die Clubshows sind auf jeden Fall näher am Fan.
Jacob Binzer: Egal ob im kleinsten Club oder im größten Stadion – Du muss immer alles geben! Und wenn die Show stimmt, der Sound stimmt und der Club am Besten noch voll ist, dann wird es perfekt. Als Musiker mag ich es sehr, in ganz unterschiedlichen Locations zu spielen. Aber als Teil eines Publikums bevorzuge ich kleine Clubs. Natürlich würde ich mir AC/DC lieber in der Batschkapp anschauen als im Olympiastadion (lacht). Die Clubs machen einfach mehr Spaß.
Echo-Live: In fast dreißig Jahren Bandgeschichte hattet ihr nur einen Wechsel in eurem Line up – 1999 verließ Drummer Peter Lundholm Jensen die Band 1999 und wurde durch euren heutigen Schlagzeuger Laust Sonne ersetzt. Wie wichtig war und ist diese konstante Besetzung für das Fortbestehen und die Entwicklung von D-A-D?
Jacob Binzer: Absolut wichtig! Die Beziehung zwischen uns Musikern drückt sich ja in unserer ganzen Arbeit, in unserer Musik aus. Und die hat sich natürlich enorm entwickelt, ist aber immer spannend geblieben. Und diese Spannung, ob positiv oder negativ, ist enorm wichtig und macht das Ganze nach wie vor interessant für uns. Wenn ich mir Bands anschaue, bei denen im Lauf der Jahre die Mitglieder kommen und gehen, ist da irgendwie meistens das Gefühl und diese Spannung raus. Da ist dann einfach der Sänger oder der Gitarrist übriggeblieben, der mittlerweile der Boss ist und das war es dann auch. Eine Band muss spannend bleiben!
Echo-Live: Das Musikgeschäft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert - Filesharing und Internetpiraterie haben die Plattenumsätze massiv einbrechen lassen, nicht wenige Künstler sehen in ihren Platten nur noch eine bessere Werbung für die Konzerte, von denen Bands mittlerweile primär leben. Skindred Sänger Benji Webbe sprach kürzlich in einem Interview mal davon, dass Platten "Audio-Flyer" sind. Wie siehst du das? Ihr habt ja noch das goldene Zeitalter der „Millionseller“-Alben miterlebt.
Jacob Binzer: Ich finde es auch nach wie vor wichtig, Platten zu machen. Es hat sich im Wesentlichen nicht so viel geändert – die Bands nutzen noch immer das gleiche Format, nämlich das Album. Das hat so um die 10-12 Songs und Songs sind in der Regel so um die 3-4 Minuten lang. Das alles hat sich trotz Internet, Downloads und MP3 Player nicht verändert. Und ich denke, dass das Album als Format auch im Internetzeitalter überleben wird. Ich glaube auch nicht, dass das Internet nur Nachteile für die Musiker gebracht hat. Immerhin kann man eine Band, die man irgendwo gehört und die einem gefallen hat, über das Web sehr schnell wiederfinden und für sich entdecken und natürlich auch ihre Alben ordern.
Echo-Live: Nachdem ihr mit eurem 89er Album „No Fuel left for Pilgrims“ erstmals auch international Erfolge feiern konntet, wurde euch auch für den USA der große Erfolg prophezeit. Warner Brothers nahm euch unter Vertrag, die Zeichen standen gut, aber der Durchbruch blieb aus. Am Ende wurde nur Disney auf euch aufmerksam und untersagte euch die weitere Verwendung eures Bandnamens. Was ist am Ende geblieben von eurer Zeit in den USA? Wie wichtig war die Zeit dort rückblickend für euch? Ich habe gehört, dass ihr aktuell wieder eine Clubtour durch die Staaten plant. So ganz scheinen euch die USA nicht los zu lassen...
Jacob Binzer: Ich denke, wir wussten damals gar nicht so richtig, wie uns geschah. Wir waren halt sehr jung, ich war damals gerade mal 22. Und dann diese großartige Chance. Aber leider stieg „No Fuel“ nur auf Platz 112 in die US-Charts ein, was ich zwar durchaus für das Debüt einer ausländischen Band sehr ordentlich finde, aber für Warner schien es halt einfach kein Erfolg gewesen zu sein. So haben wir dann zwei Alben mit ihnen gemacht und das war es dann auch. Wenn ich mir heute rückblickend „No Fuel“ anhöre und das Album mit US-Produktionen aus dieser Zeit vergleiche, sind da schon sehr viele Unterschiede - wir klangen einfach anders. „Dänischer“ vielleicht, zu humorvoll auf jeden Fall, vielleicht war es auch einfach zu anspruchsvoll. Wir haben uns dann wieder verstärkt auf Europa konzentriert und dort lief es dann auch sehr gut für uns. Schwer vorstellbar, was passiert wäre, wenn wir in den Staaten auch noch richtig großen Erfolg gehabt hätten. Was die Clubtour anbelangt: Es gibt keine konkreten Pläne. Wir haben einfach mal darüber gesprochen, eventuell im Rahmen einer Welttournee nach langer Pause auch wieder in Länden wie den USA, Japan oder auch in Australien zu spielen. Das wären dann aber nur einige wenige Shows. Reich würde uns das ganz sicher nicht machen, aber natürlich wäre es ein großer Spaß!
Echo-Live: Du bist bereits seit 1984 mit D.A.D. unterwegs, hast also den größten Teil deines Lebens mit dieser Band verbracht. Hast du jemals daran gedacht, etwas anderes zu machen? Gab es eine Art Plan B? Wenn ja – wie sah der aus?
Jacob Binzer: Einen Plan B gab es nicht, nie! Ich habe so früh mit der Musik angefangen. Mit 16 in ersten Bands, mit 18 habe ich dann die Schule verlassen. Ich habe hin und wieder mal überlegt, wie ein Plan B wohl aussehen könnte, aber nie wirklich Zeit gehabt, diesen konkret zu entwickeln. Wir sind ja immer unterwegs oder im Studio. Ich habe allerdings immer auch schon andere musikalische Projekte verfolgt und das ist auch sehr wichtig. Es wäre, glaube ich, wirklich schwer, wenn ich meine ganze kreative Befriedigung nur aus der Band beziehen müsste. Deswegen ist sehr angenehm, immer auch mal in anderen Konstellationen, wie zum Beispiel am Theater zu arbeiten.
Echo-Live: Wie stellst du dir eigentlich die Zukunft vor? Wie sehen die nächsten dreißig Jahren D-A-D aus? Immer noch fette Riffs und amtliche Rock-Shows? Oder bluesige unplugged-Konzerte? Der Rock’n’Roll Lifestyle fordert ja auch seinen Tribut…
Jacob Binzer: Also in meinem Fall ist der Rock’n’Roll ziemlich weit entfernt von meinem Lifestyle. Rock’n’Roll ist ja auch nicht mehr vornehmlich etwas für junge Leute, sondern mittlerweile in allen Altersgruppen gesellschaftsfähig. Der Rock’n’Roll ist erwachsen geworden, so ist es einfach. Er hat ja auch selbst schon seine 50, 60 Jahre auf dem Buckel (lacht). Aber ich liebe ihn und werde weiterhin auf der Bühne stehen und spielen, solange ich kann.
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.