Kollektiv in den melodischen Exzess

we inveted paris

Verstecken sich gern auf Fotos, spielen aber andererseits auch gern und viel öffentlich, zum Beispiel in privaten Wohnzimmern: "We invented Paris" aus Basel. Foto: Motor Music

Das Basler Kollektiv "We invented Paris" hat Mitglieder aus ganz Europa, ist aber meistens im Kern zu viert. Die Band existiert zwar erst seit Sommer vergangenen Jahres, hat sich mit ihrem sanften Indiepop, den sie in wechselnder Besetzung ständig neu arrangiert, bereits durch massives Touren in Europa einen Namen gemacht und wirkte als Support unter anderem für "Kettcar" und "The Pains of Being Pure at Heart".

Kollektiv meint hier nicht nur, dass die Jungs rund um Songschreiber Flavian Graber Freunde sind und alles Musikalische gleichberechtigt machen, sondern auch, dass sie außerdem drumherum alles selbst machen, von der Webseite über das Merchandising bis hin zum Bühnenbild bei Auftritten. Die Veröffentlichungen erschienen bisher auf dem eigenen Label, und bei den selbst organisierten Wohnzimmer-Konzerten nächtigt die Band dann gerne mittels des Internetportals "Couchsurfing" auf den europäischen Sofas, auf denen vorher noch ihr Publikum saß. Seit Anfang November ist nun das selbstbetitelte Debütalbum von "We invented Paris" (Spectacular Spectacular/Motor Entertainment) auf dem Markt – ein professioneller Schritt Richtung richtiges Musikbusiness für das Kollektiv.

12 Tracks plus instrumentale Ouverture umfasst das Album. Gleich das erste Stück "The Busker" entführt mit Unterstützung von Streichern und Synthesizer bei reichlich reduzierter Percussion als gesungene Liebeserklärung in eine ganz eigene Welt voll Gefühl und zartem Glamour. Weiter geht es mit poetischen ("Bubbletrees", "A view that almost kills") und auch sozialkritischen ("Lonely Ego") Texten zu charmanten Arrangements, melodischen Exzessen und zuckersüßen Höhen.

Album WIP
"We invented Paris" von "We invented Paris". Label: Spectacular Spectacular / Motor Entertainment

Jedoch entsteht immer wieder auch genug Platz für das langsame Ausloten eines Klangraums, krachende Gitarren und ohrwurm-verdächtige Refrains, die nicht nur in den Kopf, sondern auch in die Beine gehen. "Melancholische Lebensfreude" nennt Graber das selbst. Höhepunkte sind sicherlich das wohlkomponierte "Iceberg", die erste Single-Auskopplung des Albums, und "Nothing to say", das wechselnd mit Gitarrenriffs, Schlagzeug-Einsatz und Synthie-Loops spielt. Mit dem orgellastigen "Kyrie" erinnert die Band an Jeff Buckleys "Hallelujah", schrammt aber knapp am Kitsch vorbei, den eine vermeintlich mystische Interpretation eines religiös motivierten Klassikers auch bedeuten kann.

So individuell die Jungs sind, so professionell sind sie aber auch: Das Album wurde im Vorfeld mit einem Video-Trailer vermarktet und "Iceberg" mit einem kunstvollen Video versehen. Inzwischen gibt es sogar ein zweites in Super-8-Optik zu einer alternativen Akustik-Version, gemacht von Studierenden des Theater- und Medieninstituts der Universität Erlangen. So zufällig alles aussehen soll, so bleibt doch nichts dem Zufall überlassen bei "We invented Paris".

Die Herren sind in Darmstadt keine Unbekannten. Schon zwei Mal waren sie zu Gast, einmal beim elektronischen SingerSongwriter-Abend auf "603qm", einmal auf Einladung des DJ-Duos "Bedroomdisco" in der "Oetinger Villa". Am 26. Februar kommen sie im Rahmen von "TV Noir" wieder und stellen dann in der Centralstation ihr Album vor.

23.11.2011, Kerstin Fritzsche

 
 
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