Cool und lässig gab sich Samy Deluxe am Mittwochabend beim Vorhören in sein neues Album "Schwarz Weiß", das am 29. Juli erscheint. Foto: Alexander Heimann
Dass Darmstadt als ein Zentrum des Poetry Slam gilt, hat sich wohl noch nicht bis Hamburg herumgesprochen. Dort kommt Rapper Samy Deluxe her, der sich nach eigenen Angaben für alles interessiert, "was einer mit dem Mikro auf der Bühne anstellt". Am Mittwoch im Schlosskeller waren – organisiert vom Radiosender YouFM – einige Stücke seines neuen Albums "Schwarz Weiss" vorab zu hören. Im Gespräch räumt er zum Thema Slam ein: "Bestimmt gibt es lokal und auch hier, mehr als sich im Internet finden lässt."
Deluxe lässt sich vor 100 Zuschauern Zeit für Fragen, spricht über Methoden und Motive, Vorlieben und Abneigungen. Gute Rapper seien kaum in Sicht. "Und bei den Slams in Deutschland gefallen mir entweder die Dichter oder die Texte nicht." Ergo: Gut, dass "der größte Poet, der hier lebt" wieder da ist.
Ballade passt nicht zum Album, aber zu ihm
Die Zeile stammt aus dem Stück "Poesiealbum", dem Intro der heute erscheinenden Platte. Der Einstieg in die "Vorhörung" sei falsch gewählt, betont Deluxe, seine Ballade "Eines Tages" die am wenigsten repräsentative Nummer des klassischen HipHop-Albums. Während er später bei weiteren Tracks richtig mitgeht, Finger und Mund bewegt, die Augen teils geschlossen hält, schaut er beim ersten gemeinschaftlichen Hören auf die CD, ins Booklet. "So viele haben so lange daran mitgewirkt." Und: "Die Nummer drückt mich als Mensch mit am besten aus."
Den prägt seit jeher, dass er ohne seinen aus dem Sudan stammenden Vater aufgewachsen ist und dass er mit ihm Frieden geschlossen hat – allerdings posthum, dafür öffentlich. "Vatertag" war eine Abrechnung. Zwei Tage nachdem er es auf dem Abschlusskonzert seiner Tour im vergangenen Jahr performt hatte, verstarb sein Vater. "So viel auf eine Person gebündelte negative Energie ist nicht gut", sagt Deluxe heute.
Er hat das auf seine Art aufgearbeitet: "Ich hab’ gesagt, er soll zur Hölle fahr’n. Doch heute hoff’ ich einfach nur, mein Vater ist im Himmel", ist auf "Schwarz Weiss" zu hören. Das Titelstück soll zum Ausdruck bringen, dass Deluxe sich nach lange empfundener Zerrissenheit nun "völlig unerwartet" wohlfühlt in seiner Haut. Glaubwürdig zeigt der Rapper bei zwei live vorgetragenen Stücken, begleitet von einer Akustikgitarre, dass er beherrscht, was er verspricht.Immer, wenn er zu weich wirken könnte, kommt ein cooler Spruch. Er schämt sich aber nicht zuzugeben, dass er Bruno Mars mag, dessen Lieder die Mädchen bei seinen deutschlandweit veranstalteten Workshops "natürlich" immer singen wollten. "Der hat aber auch echt krasses Talent. Sie müssten nur die Beats weglassen." Das wiederum tut Deluxe auch nicht.
Intelligenz ausschalten kann helfen
Anschaulich erklärt der 33 Jahre alte Musiker, wie seine Stücke entstehen, bei denen die Melodie meist vorangehe. Das Gros habe er selbst produziert, anderes "gewürzt". Manchmal, "für Songs, die abgehen", sei es gut, "die Intelligenz auszuschalten". An anderer Stelle schlage sie sich dafür sensationell nieder.
In der Tat genial vertextlicht ist "Keine wahre Geschichte" über zwei jugendliche Außenseiter. Der eine will sich an der Gitarre beweisen, der andere hat eine Knarre, will töten. Doch das Massaker bleibt aus, und der Rap geht weiter: "Der eine wurde Superstar, der andere sein Manager. Objektiv gesehen ist diese Story total kitschig. Trotzdem ist mir die Moral wichtig."
Diese Haltung lässt Samy Deluxe eingestehen, dass die offene Rede über das Kiffen und erklärte Nachahmer ihn rückblickend "nicht stolz machen". Überhaupt lasse die Bindung an alte Sachen nach. "Weißt Du", setzt er mit seiner Lieblingsfloskel zur bildhaften Erklärung für einen Anhänger früher Werke an: "Du kennst bestimmt Leute, die sind korrekt, aber Du hängst trotzdem nicht mit denen rum."
Die mit ihm im Schlosskeller rumhängen, versagen weitgehend beim Reimeraten mit Versen, die er spontan dichtet. In "Poesiealbum" schließt er – des Reims wegen: "Was würd’ ich bloß tun hier, wär’ ich nicht Rapstar? Wahrscheinlich wär’ ich der neue Erich Kästner."







