
Nit ihrem selbstbetiteltem ersten Album schuf die Londonerin Anna Calvi eines der beeindruckensten Debüts der vergangenen Jahre. Foto: Emma Nathan
Anna Calvi - „dto“ (Domino Records/Goodtogo)
Es ist im großen Ganzen recht langweilig geworden, das Musikgeschäft. Den Plattenfirmen fehlt aufgrund der massiven Umsatzeinbrüche in den vergangenen Jahren mittlerweile komplett der Mut (und das Geld) zum Risiko, sodass dem zunehmend gelangweilten Hörer "Greatest Hits" und Remakes alter Klassiker noch und nöcher kredenzt werden, junge Künstler hingegen jedoch kaum noch Hoffnung auf eine solide Förderung ihrer Karriere seitens der Plattenmultis haben.
Wehmütig denkt man an die 90er Jahre zurück, die "guten alten Zeiten", in denen neue, großartige Talente nahezu täglich auf der Bildfläche erschienen - und bis heute erfolgreich mitmischen. Siehe Radiohead, Beck, Pearl Jam, Foo Fighters und viele andere mehr. Natürlich bringt auch die Gegenwart immer wieder interessante, junge Künstler hervor. Doch zeichnet sich leider ein Großteil des talentierten Nachwuchses vor allem durch eine tiefe Verbeugung vor vergangenen Großtaten aus und greift daher tief in die Retrokiste. Kein Wunder, dass das Gros neuer Singles und Alben oft nach "erinnert mich irgendiwe an..." klingt.
Umso aufsehenerregnder ist es daher, wenn in diesen Tagen eine junge Künstlerin auf den Plan tritt, die alte Traditionen und Klänge derart virtuos miteinander verknüft, dass ein gänzlich neuer Sound entsteht - Vorhang auf für Anna Calvi! Die junge Gitarristin, Komponistin und Sängerin aus London hat mit ihrem selbstbetitelten Debüt, das im Februar auf dem hochrenommierten Domino-Label veröffentlicht wurde, ihren ganz eigenen Klangkosmos geschaffen, der so fern von jeder Genreschublade ist, dass eine stilistische Einordnung ihrer Musik nahezu unmöglich scheint. Hinzu kommt, dass Calvi keinerlei Zugeständnis an die Musikindustrie macht und bei Dramaturgie und Songauswahl ihres Albums auf jede Konvention pfeift. So beginnt der Songreigen mit dem düster-vertrackten Instrumental "Rider To The Sea", gefolgt von der wunderbaren Ballade "No More Words" und dem wilden "Desire" - ein Auf und Ab, eine emotionale Achterbahnfahrt, die sich durch das gesamte Album zieht.
Da wird die Liebe beschworen und der Teufel, geht es mitunter tief in menschliche Abgründe, um dann doch auch immer wieder Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Wunderbare Worte gebettet auf diesem einzigartigen Sound aus Blues, Jazz, Klassik, Indierock, Flamenco und der warmen tiefen Stimme von Anna Calvi. Anna Calvis Musik ist ganz sicher nichts zum "Nebenbeihören", auf jeden Fall aber etwas zum "sich Fallenlassen". Und hat man sich einmal in das Debüt der Engländerin "eingehört", lässt es einen ganz sicher nicht mehr los und wird zu einem Begleiter fürs Leben. Nur wenige Künstler vermochten bereits mit ihrem Debüt einen Klassiker zu schaffen, man erinnert sich an Jeff Buckley, PJ Harvey oder Björk. Und man wird sich zukünftig auch an das Debüt von Anna Calvi erinnern - garantiert.