
"Ich rate jedem Musiker, alles zu machen - aber alles mit Herz." Helmut Zerlett beim Interview mit Echo-Live. Foto: Felipe Fernandes
Lichter tanzen im Wald und werden begleitet von keinem Geringeren als Helmut Zerlett und seinem Quintett. Ein beeindruckendes Spektakel! So geschehen im Odenwald am Marbach Stausee als Abschluss des Sound of the Forest 2011. Echo-Live Redakteurin Jasmina Sinko traf Helmut Zerlett kurz vor seinem Auftritt zu einem fröhlichen Gespräch.
Echo-Live: Helmut, du bist seit Jahrzehnten Vollblutmusiker, hast in verschiedenen Bands gespielt, bist hauptberuflich Filmmusik-Komponist. Dennoch wirst du hauptsächlich als Bandleader der Harald Schmidt Show wahrgenommen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Helmut Zerlett: Die Anfrage kam 1995, ob ich im nächsten Jahr 200 Tage Zeit hätte bei der Harald Schmidt Show mitzumachen. Da hab ich erst gesagt „Seid ihr bescheuert?“. Fernsehen fand ich doof. Ich bin schließlich auch kein Bar-Musiker, der auf Zuruf irgendwelche Stücke spielen kann. Als die aber nicht abzuschütteln waren, habe ich mit englischen und amerikanischen Kollegen gesprochen, die das als tolle Chance ansahen. Und da sagte ich mir: „Stimmt, das gibt es noch gar nicht: Musik im Fernsehen, die ich gut finde“. Coole Musik im Fernsehen zu machen, wurde dann zu einer Herausforderung für mich. Ich habe meinen ganz eigenen Sound gespielt, der sehr gut ankam. Ich dachte zu Beginn das geht maximal ein halbes Jahr…und zack waren es acht Jahre. Um so etwas jedoch ordentlich machen zu können, braucht es wirklich sehr gute Musiker, die ich dort um mich herum hatte.
Echo-Live: Wie ist der Kontakt zu Harald Schmidt?
Helmut Zerlett: Das ist ein freundschaftlich-kollegiales Verhältnis. Harald Schmidt ist ein sehr loyaler Mensch, mit dem es sehr viel Spaß macht zusammen zu arbeiten. Allerdings mehr Kontakt als vier bis fünf Mal die Woche während der Show, war dann auch nicht mehr drin. Man braucht ja auch Zeit für seine Familie.
Echo-Live: Neben deiner Musik, der Filmmusik und deinen Bands warst du auch bei der RTL-Comedy „Frei Schnauze“ Dauer-Überraschungsgast und hattest Filmauftritte. Wenn du zurück schaust: Was sind bleibende Höhepunkte deines Schaffens und auf was freust du dich noch?
Helmut Zerlett: Highlights sind eher im privaten Bereich zu finden: Die Geburt meine Töchter. Und ich freue mich auf weitere schöne Erlebnisse mit Freunden. Aber als Musiker habe ich auch sehr tolle Dinge erlebt. Beispielsweise mit Marius Müller-Westerhagen im ausverkauften Fußball-Stadion zu spielen. Oder Grace Jones zu begleiten. Davon träumt man als junger Musiker, dass man so etwas Mal machen darf. Das schöne an meinem Beruf ist, dass es so viele verschiedenartige Highlights gibt, in allen möglichen Facetten, so dass es einem auch nie langweilig wird.
Echo-Live: Heute spielst du mit deinem Quintett hier auf dem Sound of the Forest mitten im Wald und begleitest den Lichtertanz…
Helmut Zerlett: …Genau, wir machen eher Ambient-Sound für den Lichtertanz. Die Band vor uns rockt das Publikum noch mal ab und wir machen dann etwas coolere, instrumentelle Sachen und versuchen uns in den Dienst der Lichter-Show zu stellen.
Echo-Live: Fühlst du dich in dem Kontext von einem Jugend-Open-Air als Exot oder wie nimmst du den heutigen Auftritt für dich wahr?
Helmut Zerlett: Ich bin vor allem sehr neugierig, weil das eine Besetzung ist, bei der immer wieder etwas Neues auf der Bühne passiert. Ich habe noch bis spät in die Nacht Sachen programmiert und bin gespannt wie das heute nun ankommt.
Echo-Live: Es heißt, es wird nie zwei gleiche Konzerte eures Quintetts geben. Wie muss man sich diese Form der Zusammenarbeit auf der Bühne vorstellen?
Helmut Zerlett: Jedes Konzert ist immer wieder anders. Das geht natürlich nur mit sehr, sehr guten Musikern, die auch spontan einsteigen können und ein großes musikalisches Spektrum haben. Ich habe in meinem Quintett eine sehr ungewöhnliche Besetzung: DJ, Vibraphon, Schlagzeug, Electronics und Klavier. Diese Besetzung hat allerdings den Vorteil, dass man sie nicht so leicht einordnen kann. Musik zu machen, die nicht in eine Schublade gesteckt werden kann – das ist mein Ziel.
Echo-Live: Viele der Bands und Musiker von heute müssen hart darum kämpfen von ihrer Musik leben zu können. Wie stehst du zu der Entwicklung des Musikgeschäfts?
Helmut Zerlett: Diese Entwicklung finde ich ganz furchtbar. Riesenkonzerne wie YouTube und Google bereichern sich auf Kosten der Musiker. Sie scheffeln mit Werbung Milliarden und geben den Musikern davon nichts ab. Das halte ich für einen Skandal, gegen den etwas getan werden muss. Diese Mentalität, dass Musik nichts kostet und man sie sich einfach runter laden kann, macht die Musik und die Musiker kaputt. Das sorgt auf Dauer dafür, dass nur noch mittelmäßige, langweilige Scheiße produziert wird, die sich verkauft. Aber Nischenmusiker, die mit Hand und Herzblut arbeiten, haben kaum noch eine Chance zu überleben. Da müssen wir alle zusammen halten: Konsumenten, Musikliebhaber und Musiker, dass wir da einen Weg aus dem Engpass herausfinden.
Echo-Live: Welche Bedeutung haben Festivals wie das Sound of the Forest für junge Bands?
Helmut Zerlett: Festivals, wie das Sound of the Forest sind sehr wichtig. Hier sind viele Menschen, um live Musik zu genießen – das zeigt, dass Musik nach wie vor wert geschätzt wird. Das macht Hoffnung.
Echo-Live: Was rätst du jungen Musikern?
Helmut Zerlett: Ich rate jedem Musiker, alles zu machen - aber alles mit Herz.
Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.