„Geht neue Wege!“

Carl Craig beim Gespräch mit Echo-Live.

"Ohne Schubladen bist du einfach freier" - Elektro-Legende Carl Craig im Interview mit Echo-Live. Foto: Felipe Fernandes

Nachdem bereits in den vergangenen Jahren diverse Top DJs wie Guy Gerber auf dem Green & Blue zu Gast waren, konnte 2011 mit der Detroiter Elektro-Legende Carl Craig erneut eine absolute Größe der internationalen Elektro-Szene nach Obertshausen geholt werden. Craig, der aktuell im Rahmen des 20jährigen Jubiläums seines Labels Planet E auf Welttournee ist, begeisterte das Festival-Publikum mit einem fulminanten Set. Echo-Live Redakteur Benjamin Metz traf den Elektro-Grandseigneur nach seinem Auftritt im Backstage des Green & Blue zum Gespräch.

 

Carl Craig (li) im Gespräch mit Echo-Live.
Carl Craig (li) im Gespräch mit Echo-Live Redakteur Benjamin Metz. Foto: Felipe Fernandes
Echo-Live: In diesem Jahr feiert dein Label Planet E sein 20jähriges Bestehen. Hättest du damals bei Gründung des Labels 1991 je gedacht, dass sich daraus eine derartige Erfolgsgeschichte entwickeln würde?

Carl Craig: Ich habe höchstens davon geträumt und gehofft, dass es sich vielleicht mal so entwickeln könnte. In den USA macht man keine wirklich langfristigen Pläne, wie zum Beispiel in diesen ganzen japanischen Firmen. Das gilt vor allem für die Menschen aus Detroit, wo ich herkomme. Da gilt die Devise: „Einfach machen!“ Ich bin froh, dass sich alles so gut für mich entwickelt hat.

Echo-Live: Zum 20jährigen Jubiläum veröffentlichte Planet E Ende Ferbuar die hochgelobte Compilation “20 F**** Years – We Ain’t Dead Yet” und Du gehst jetzt zum ersten Mal auf Tour mit dem Label, warum hat das so lange gedauert? Anfragen für eine Label-Tour dürfte es sicher schon des Öfteren gegeben haben.

Carl Craig: Ja, stimmt schon. Aber ich habe einfach jeden Tag jede Menge neuer Ideen, und manchmal braucht es einfach eine Weile, bis aus einer Idee auch etwas Konkretes wird. Und es ist auch gut, den Dingen Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Manche Sachen hätten wir sicher auch schon früher angehen können, aber es war gut, auf den richtigen Moment zu warten. Ich glaube einfach, dass diese Tour jetzt am meisten Sinn macht.

Echo-Live: Planet E residiert seit seiner Gründung in deiner Heimat Detroit. Obwohl Detroit musikalisch nach wie vor ein wichtiger Impulsgeber ist, geht die einstige "Motorcity" wirtschaftlich allerdings seit Jahren massiv den Bach runter. Wie empfindest du das? Gibt es nicht wesentlich angenehmere Orte zum Leben mittlerweile? Detroit ist ja mittlerweile auch kein ungefährliches Pflaster mehr.

Carl Craig: Klar, gibt es wesentlich schönere Plätze, aber Detroit ist halt einfach mein Zuhause. Das war es schon immer. Im Vergleich zu anderen, angesagten Städten wie L.A., New York oder Chicago war Detroit immer schon ein „Underdog“, dennoch hat die amerikanische Musikszene sehr stark an Detroit partizipiert. Hier gab es die ersten Punkbands, Techno startete hier und man darf natürlich Motown nicht vergessen. Und auch heute noch: Eminem, Jack White – jede Menge großartiger Musiker kommen aus Detroit. Die Stadt ist einfach ein guter Ort für unangepasste Künstler, die sich nicht in diesen ganzen Musikindustriekram pressen lassen wollen. In Detroit kommen die Autos vom Fließband, nicht aber die Musik.

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Echo-Live: Als du Mitte, Ende der 80er deine ersten Gehversuche im elektronischen Bereich unternommen hast, war Techno noch nahezu gänzlich unerforschtes Neuland. Wie hat sich das damals angefühlt so ganz ohne Grenzen?

Carl Craig: Das war natürlich großartig. Und es ging einfach um Ideen, Konzepte. Damals hat man sich einfach seinen Ideen verschrieben und heute geht man nicht mehr so sehr nach den eigenen Ideen, sondern vielmehr orientiert man sich an Schubladen und nichts anderes sind diese ganzen Genres und Subgenres für mich. Wir haben uns um so etwas damals nicht geschert. Nimm doch jemand wie Iggy Pop & the Stooges, auch so eine große Band aus Detroit. Als ich deren Sachen das erste Mal gehört habe – das war absolut nirgendwo einzuordnen. Die waren einfach „unkategorisierbar“. Ohne diese Schubladen bist du einfach freier und darum ging es damals. Ich habe nie konkret daran gedacht, etwas für den Dancefloor zu produzieren, sondern mir im Studio eher vorgestellt auf der „Autobahn“ rumzucruisen. Man hat sich einfach von Dingen und Momenten inspirieren lassen, die Spaß bereitet haben.

Echo-Live: Du meintest mal in einem Interview, dass deine Vision von Musik eigentlich komplett weggeht, von allem, was man unter "Pop" versteht. Du scheinst also nach wie vor auf der Suche nach neuen musikalischen Wegen zu sein. Kollidiert so ein Anspruch allerdings nicht mitunter mit den kommerziellen Interessen eines Labels? Du hast ja auch Angestellte…

Carl Craig: Wir sind eigentlich ziemlich lange dieses Label-Ding gefahren. Ich denke, dass es an der Zeit ist, neue Wege zu gehen. Alles verändert sich gerade. Die Möglichkeiten, etwas Neues und anderes als die Majors zu machen sind riesig – alles ist offen. Und trotzdem machen die Majors weiter wie bisher und die Indielabels versuchen ihnen den Rang abzulaufen. Das ist aber nicht meine Idee für Planet E. Es soll einfach um Ideen und den Spaß an der Musik gehen – das ist mein Konzept für das Label.

Echo-Live: Du bist sehr gerne im Studio und arbeitest für dich alleine an Tracks und Remixen und siehst Dich nach eigener Aussage nicht so sehr als Performer. Dennoch bist viel unterwegs und legst weltweit das ganze Jahr über, wie hier auf dem "Green & Blue" auf. Was geben dir diese Shows vor Publikum?

Carl Craig: Das ist schon immer eine sehr schöne Sache. Man sollte allerdings bei sich selbst bleiben. Gestern habe ich in New York nach Luciano aufgelegt. Er ist immer sehr nah am Publikum und möchte, dass die Leute 100%ig auf das stehen, was er gerade macht. Ich versuche hingegen eher bei mir zu bleiben und meine Linie zu gehen. Hier bei Green & Blue funktioniert das auch großartig, weil die Leute sehr entspannt und offen für musikalische Experimente sind.

Echo-Live: Die Jazz-Platten deines Vaters waren in jungen Jahren eine große Inspiration für dich. Umgekehrt hört dein Vater heute, inspiriert von deinen Aktivitäten, mehr Musik als je zuvor. Zum Beispiel liebt er dein Elektronik-Jazz-Projekt "The Detroit Experiment". Jazz und Techno scheinen gut miteinander zu harmonieren. Wo siehst du Parallelen zwischen beiden Genres?

Carl Craig: In beiden Genres findest du auf jeden Fall ziemliche Puristen. Als Miles Davis 1969 sein bahnbrechendes Album „Bitches Brew“ rausbrachte, flippten die Fans aus – „das geht nicht, das ist kein Jazz mehr“, und so weiter. Als ich mit „Interzone“ anfing, war das genauso. Die Leute reagierten ziemlich heftig. Und dieses Militante unter den Fans, diese große Besorgnis um die „Reinheit ihrer Musik“, das ist in beiden Genres sehr ähnlich, finde ich.

Echo-Live: Wie siehst du eigentlich die zukünftige Entwicklung der elektronischen Musik? Über Twitter hast du kürzlich dazu aufgerufen, dass die Leute dir mehr futuristische Musik schicken sollen. Was hat es denn mit dieser Aufforderung auf sich?

Carl Craig: Die war einfach mal als Tritt in den Arsch gedacht. So nach dem Motto: „Lauft nicht einfach immer nur hinterher, sondern macht auch mal etwas Neues – geht neue Wege!“ Das lässt sich auch ganz interessant an, reicht aber noch nicht. Ich finde, dass vieles in der ganzen DJ Kultur und in den Dingen, die die Leute bewegt, ziemlich festgefahren ist. Es wird aber noch eine ganze Zeit brauchen, da etwas aufzubrechen. Man braucht halt ab und an mal einen Tritt in den Hintern.

Echo-Live: "If you ain't got dreams, then what the f**k you got?" steht auf deiner Webseite zu lesen. Du hast immer deine Träume gelebt, Labels gegründet, neue musikalische Wege beschritten. Was würdest du einem jungen Produzenten, der noch am Anfang seiner Karriere steht, raten?

Carl Craig: Lass dich in keine Schublade steckten. Wenn du wirklich das Abenteuer suchst, dann halte deinen Kopf und deine Gedanken frei und erweitere stetig deinen Horizont und sei offen für Neues.

Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.

16.09.2011, Benjamin Metz

 
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