„Ich bin der Typ vom Dorf“

Thees Uhlmann beim Gespräch mit Echo-Live.

"Ich brauchte das" - Tomte-Frontmann Thees Uhlmann wandelt jetzt auf Solopfaden. Foto: Dominik Gruszczyk

Ob als Frontmann der Band Tomte, Miteigner des angesagten Hamburger Indielabels Grand Hotel Van Cleef oder als Gastautor diverser Musikmagazine wie Spex, Musikexpress oder Intro– der Hamburger Thees Uhlmann ist der sprichwörtliche „Hans Dampf“ der deutsche Indie-Szene, keine Frage. Und als wären diese Jobs nicht ohnehin schon mit mehr als genug Arbeit und Verantwortung verbunden, kommt er nun auch noch mit seinem selbstbetitelten Soloalbum um die Ecke, das er aktuell auf einer umfangreichen Deutschland-Tour live vorstellt. So auch auf der diesjährigen Folklore in Wiesbaden, wo Echo-Live Redakteur Benjamin Metz den Hanseaten zum Gespräch traf.

 

Thees Uhlmann (re) im Gespräch mit Echo-Live.
Thees Uhlmann (re) im Gespräch mit Echo-Live Redakteur Benjamin Metz. Foto: Dominik Gruszczyk
Echo-Live: Vor kurzem erschien Dein erstes, selbstbetiteltes Soloalbum, das bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung viel diskutiert wurde. Vor allem fragten sich viele Fans und Kritiker, weshalb gerade Du ein Soloalbum veröffentlichst, denn du stehst bei deiner Hauptband Tomte ganz klar im Vordergrund. Was gibt dir dein Soloalbum, was du nicht auch mit Tomte hättest verwirklichen können?

Thees Uhlmann: Zuerst mal das Gefühl, nicht „der Thees von Tomte“ zu sein, sondern einfach nur Thees Uhlmann. Und ich habe wieder dieses „erste Platte“-Gefühl – die ganze Aufgeregtheit vor den Konzerten und so weiter. Was sollen wir spielen? Die Platte ist ja nur eine Stunde lang (lacht). Ich mache eine Sache ohne Ballast, und das finde ich super. Ich fühle mich im Moment wie ein Koch, der fünfzehn Jahre lang im Restaurant gearbeitet hat und jetzt sein kleines Bistro mit amerikanischer Küche aufgemacht hat. Und da koche ich nur für mich und die Leute, die mein Essen mögen. Natürlich weiß ich, dass 90% aller Soloalben keinen großartigen Erfolg haben – ich bin ja kein Idiot. Aber ich brauchte das einfach.

Echo-Live: Im Opener „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ deines Soloalbums singst Du über Deine Familie, im Video sieht man alte Video- und Super 8-Filme von Dir und Dich mit deiner Band auf der elterlichen Terrasse in deinem Heimatort Hemmoor spielen. Woher kommt der Wunsch nach soviel offen gezeigter Privatheit?

Thees Uhlmann: Das ist kein Wunsch. Das war eher so die Überlegung, dass ganz viele Leute, die ich kenne, kein wirkliches Zuhause haben. Die wollen einfach mal endlich irgendwo ankommen. Und die Idee hinter den Super 8-Aufnahmen war einfach, mich an einen Ort, an dem ich vor 30 Jahren schon einmal war, mit dem ich viel verbinde, heute wieder hinzustellen und zu schauen, wie sich das anfühlt, was das mit mir macht. Ich fand das künstlerisch interessant, deswegen musste es durchgezogen werden. Ich habe die Idee meiner Mutter und meinem Bruder erklärt, und dann haben wir das einfach gemacht. Das hat gar nichts mit Exhibitionismus zu tun. Ich bin einfach Künstler und arbeite einfach anders als beispielsweise ein KFZler.

Echo-Live: Der Song „Lat.53.7 Lon.9.11667“ gibt die Koordinaten deines Heimatortes Hemmoor wieder, ein weiterer Verweis auf deine Wurzeln. Du lebst allerdings schon lange in Hamburg und bist viel in Berlin, ein eher urbaner Mensch, könnte man meinen. Weshalb diese Rückbesinnung auf die Provinz?

Thees Uhlmann: Dieses ganze urbane, dieses „David Guetta legt in Miami auf“, „Die Strokes kommen aus New York“ und so weiter, dieses ganze Coolness-Ding. Hey, so leben die meisten von uns doch gar nicht! Ich denke dann immer so „Wow, ihr Strokes! Ihr seid also aus New York? Ich bin der Thess und komm vom Dorf…“. Und dort sind die Themen einfach ganz anderes gelagert. Das ist einfach das normale Leben und an dem bin ich schon immer sehr interessiert.

Echo-Live: Wenn man längere Zeit in einer Großstadt wie Berlin verbringt, hat man schnell das Gefühl nur von Zugezogenen aus der Provinz umgeben zu sein, die ihren Traum vom Leben in der Metropole als Musiker, Maler oder sonst wie Kreativer zu verwirklichen versuchen. Allerdings bemerken viele hierbei nicht, dass die Großstadt viel zu anonym, das Überangebot an Gleichgesinnten viel zu groß ist, um wirklich auffallen zu können. Warum zieht es dennoch immer mehr Kreative in die große Stadt?

Thees Uhlmann: In jungen Jahren ist das einfach großartig – Berlin, 22 Jahre alt, Sinnsuche. Und Berlin ist ja zum Beispiel auch eine enorm billige Metropole. Wenn du als Künstler hingegen in Hamburg leben und arbeiten möchtest, wirst du finanziell große Schwierigkeiten haben. In Berlin aber kannst du einfach loslegen. Und die Stadt verzeiht dir viel. Du kannst da ruhig auch mal scheitern. Aber natürlich ist das auch ein Leben in Anonymität und mit den Jahren erkennt man das auch. Ich fühle mich in Berlin manchmal richtig einsam und das ist ein Leben, das ich nicht mehr führen möchte. Diese ganzen Versprechen der Großstadt zählen für mich überhaupt nicht mehr. Ich bin einfach kein Großstädter, ich bin der Typ vom Dorf.

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Echo-Live: Ein Wenig erstaunt war ich über deine Zusammenarbeit mit dem Rapper Casper, der gerade mit „Xoxo“ selbst enorm erfolgreich ist. Wie kam es zum Song „& Jay-Z singt uns ein Lied“?

Thees Uhlmann: Wir haben uns vor zwei Jahren kennengelernt und beschlossen, etwas Gemeinsames zu machen. Dann hatte ich etwas Stress und habe mich lange nicht gemeldet. Als wir den Song im Studio machten, war klar, dass wir hier einen HipHopper brauchen. Ich meinte, dass da nur Casper in Frage kommt und habe ihm daraufhin eine Mail geschrieben, mich dafür entschuldigt, dass ich bei seinem Album nicht mitmachen konnte und ich gebeten bei meinem Song mitzumachen. Er hat dann schnell geantwortet, dass er dabei ist, und dass ich, wenn ich mich beeile, auch noch bei seinem Album dabei sein kann und ich so: „Yes!!“ Und dann haben wir uns so innerhalb von vier, fünf Tagen die Sachen hin- und hergeschickt und beides fertigbekommen.

Echo-Live: Musikalisch ist dein Soloalbum eine große Verbeugung vor dem klassischen, US-geprägten Rock’n’Roll. Und auch das Cover -die Gitarre schräg auf dem Rücken – wirkt wie ein Zitat an alte Springsteen-Alben. Wie wichtig war Amerika, waren Songwriter wie Springsteen oder Neil Young für deine musikalische Entwicklung und nun auch für die Entstehung deines Soloalbums?

Thees Uhlmann: Es gibt schon einige Springsteen-Sachen, die eine wirklich große Bedeutung für das Album hatten, aber der allergrößte Einfluss für meine Soloplatte war Albert Hammond, der Vater des Strokes-Gitarristen. Da gibt es diese Songzeile „I gave it up for music and the Free Electric Band”, das passt so exakt auch auf mein Leben. Und diese Faszination, dass jemand schon vor 40 Jahren so einen Song geschrieben hat, mit dem ich mich heute immer noch total identifizieren kann. Man kann sagen, die zwei Haupteinflüsse auf meinem Album waren HipHop und unmoderne Rock’n’Roll-Musik aus Amerika. Ohne große Codes, einfach Sachen, die jeder verstehen kann, der Lust darauf hat.

Echo-Live: In der Zeit deiner Kindheit und Jugend waren die USA für viele stets auch eine Projektionsfläche für Träume: Weites Land, großartige Musik, tolle Filme…

Thees Uhlmann: …jetzt wird’s spannend…

Echo-Live: …heute sieht man das Land wesentlich nüchterner, es steht für eine massive Kluft zwischen Arm und Reich, eine nicht in den Griff zu bekommende Unfairness und exorbitante wirtschaftliche Probleme. Warum ist den Leuten dieses Bild romantische Bild der USA abhanden gekommen? Auch heute kommt noch großartige Musik aus den USA und die Probleme waren früher auch nicht unbedingt kleiner, nur anders gelagert.

Thees Uhlmann: Wow – was für’n journalistischer Aufriss! Es ist halt alles viel näher. Ich weiß noch, wie mein Bruder als Austauschschüler in den USA war. Wenn wir miteinander telefonierten, war das wie aus einer anderen Welt. Heute skypt man halt rund um den Globus, alles ganz einfach. Aber vieles ist natürlich auch mittlerweile einfach durch diese Nähe und die ständige Verfügbarkeit entmystifiziert. Das ist genau der Punkt. Solche Sachen wie Wikileaks, die dann jeder auf der Welt mitbekommt rücken die USA natürlich auch in ein ganz anderes Licht. Andererseits haben sie es doch tatsächlich geschafft, einen Schwarzen zum Präsidenten zu wählen. Da hätte noch vor zehn Jahren niemand einen Pfifferling drauf gewettet. Es sind eigentlich ganz spannende Zeiten, die wir gerade erleben.

Echo-Live: Fast zwei Jahrzehnte lang warst du „der Thees von Tomte“, bist aber auch für deine scharfzüngigen Kommentare und Kritiken in diversen Musikmagazinen bekannt, hast mit Marcus Wiebusch von Kettcar das feine Label „Grand Hotel Van Cleef“ aus der Taufe gehoben und zahlreiche andere Projekte gestartet. Wo soll deine Reise hingehen, wo möchtest du noch hin wachsen?

Thees Uhlmann: Da ist eins zum anderen gekommen. Das Label ist ja damals aus der Not heraus geboren worden. Und als dann kurze Zeit später die Plattenverkäufe so massiv begannen einzubrechen, musste man sich halt noch weitere Standbeine schaffen, mittlerweile bin ich Kompagnon in 12 GbRs, wenn ich richtig gezählt habe. Natürlich wünscht man sich, dass die Dinge irgendwann einmal auch einfacher werden und man nicht mehr soviel Verantwortung zu tragen hat, denn das ist ja auch emotional ein ziemlicher Ballast. Aber was ich mir immer bewahrt habe, ist so eine positive Ahnungslosigkeit. Ich weiß absolut noch nicht, was ich in einem Jahr machen werde. Im Moment kann ich nur sagen, dass ich ein Kind habe, St. Pauli gut finde und auch weiterhin kreativ arbeiten werde.

Echo-Live: Vielen Dank für das Gespräch.

14.09.2011, Benjamin Metz

 
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