"Ich habe ein Zigeunerherz"

Pohlmann Eins

Ingo Pohlmann im Interview auf dem Folklore im Garten in Wiesbaden. Foto: Dominik Gruszczyk



Pohlmann wird oft als der Jack Johnson aus Deutschland beschrieben. Mit seinem letzten Album „König der Straßen“ versuchte Ingo Pohlmann jedoch einen neuen Weg zu gehen und versammelte dafür auch eine neue Band um sich herum. Der gebürtige Nordrhein-Westfale hat in der Firma des Vaters als Maurer gelernt. Heute versucht er als Künstler lieber Mauern einzureißen. Neben seiner Leidenschaft für die Relativitätstheorie ist er ein großer Verehrer Cluesos, der ihm – wie Pohlmann uns in einem recht philosophischen Interview nach seinem Konzert auf dem Folklore im Garten in Wiesbaden verriet –  in einer schwierigen Zeit mit den richtigen Tipps weiterhalf.

Echo-Live: "Pohlmann - Der König der Straße" - Was bedeutet es für dich auf der Straße zu sein?

Pohlmann: Es bedeutet aus seinem Zuhause herauszukommen, die Freunde und das gewohnte Umfeld zu verlassen. Es bedeutet seinen Blickwinkel zu ändern und von einer anderen Sicht aus sein eigenes Leben zu betrachten. Ich liebe es, meinen Kopf an eine vibrierende Autofensterscheibe zu lehnen und die Dinge an mir vorbeiziehen zu lassen. Wenn die Augen keinen Fixpunkt haben, kann ich auch die Gedanken frei lassen. Ich habe ein Zigeunerherz – ich bin wirklich gerne unterwegs. Dank der Relativitätstheorie bin ich sogar durch die Fahrt von Hamburg nach Wiesbaden eine hundertstel Sekunde jünger. Wenn man viel unterwegs ist, altert man also nicht so schnell (lacht). Das hat auch seinen Vorteil.
Pohlmann Zwei
Von links: Ingo Pohlmann und Sebastian von Echo-Live. Foto: Dominik Gruszczyk

Echo-Live: Straße hat heute sogar etwas erstrebenswertes. Während früher die Straße noch als Ort der Tristess galt, ist heute - im Rausch der neuen Medien und der damit verbundenen gefühlten Nähe unter den Menschen, des Drucks durch Job und anderen Erwartungen - die Straße noch einer der Orte, wo Künstler sich ungezwungen ausdrücken können und immerhin noch ein gewisse Vielfalt herrscht. Wie empfindest du das?

Pohlmann: Straße bedeutet Aufbruch. Was das moderne Leben angeht: Clueso hat mal etwas genau auf den Punkt gebracht, ich weiß die Textzeile nicht mehr genau, was ich auch praktiziere: Ich fahre lieber einen Umweg, als im Stau zu stehen. Ich stehe nirgends an – nicht mal im Sommer am Eisladen. Wenn ich in den Supermarkt gehe und sehe mit vollem Wagen die lange Schlange, dann schieb ich den Wagen weg und geh raus (lacht). Auf der Straße zu sein bedeutet für mich nur dann Freiheit, wenn ich mich bewege. Wenn ich stehe, komme ich in Stress. Stillstehen kann ich nicht ab.

Echo-Live: Du hast früher mal Maurer gelernt, was im Gegensatz zum Künstlerdasein ja fast das komplett das Gegenteil ist – metaphorisch gesehen. Der Maurer baut Mauern auf, der Künstler versucht – meist bildliche – Mauern einzureißen. Wie siehst du diesen Gegensatz?

Pohlmann: Das ist wirklich gut. Weisst du was? Das werde ich vielleicht sogar in einen Text mit einbauen. Tatsächlich setzt man als Maurer Grenzen. Auf dem Bau herrscht ein rauer Ton, da muss man sich als Sensibelchen durchsetzen lernen. Für mich war das eine gute Schule. Ich war ein ziemliches Sensibelchen, bin es heute wohl immer noch, aber es war ein guter Ausgleich dazu. Es gibt aber verschiedene Arten von Maurern: Es gibt den Buddhisten, der sich in seinem Kopf ganz auf seine Arbeit konzentriert. Dann gibt es den, der den Plan hat, der weiß, dass dieses Gebilde mal ein Haus werden soll. Der eine lässt sich gehen, der andere ist Chef. Für mich war mauern eher wie Yoga (lacht).

Echo-Live: Wie stehst du eigentlich zum Internet und neuen Medien? Als Musiker kommt man ja fast nicht umhin, auch auf diesen Plattformen stattzufinden, um wenigstens halbwegs gut über die Runden zu kommen.

Pohlmann: Das ist die neue Zeit. Aber man will auch gar nicht da herumkommen. Im Gegenteil: MTV kackt ab - wie geil! Ich habe immer versucht mich bei MTV zu platzieren und bis auf den Sommersong hat es nie geklappt. Da war ich schon ziemlich frustriert. Die haben geile Sachen gemacht, aber sie sind einen falschen Weg gegangen. Ich dachte manchmal: Ach, du bist doch nur ein frustrierter armer Sack und bloß sauer, weil sie dein Video nicht spielen. Aber dann hab ich gemerkt, die sind einfach auf einem falschen Weg. Sie spielen nämlich überhaupt keine Videos mehr, sondern nur noch Handy-Werbung. Das Internet hat eine neue Freiheit, der man sich bedienen kann. Das hat etwas Tolles, aber die Anarchie bringt ebenfalls Probleme mit sich, für die man Regeln und Kontrollen schaffen muss. Da ist einfach Vielfalt am Start. Klar zentrieren sich die Klicks aber wieder auf den großen Portalen.
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Echo-Live: Dein letztes Album „König der Straße“ kam im Herbst 2010. Während zwischen den ersten beiden Alben nur etwa 1,5 Jahre Abstand lagen, hast du zwischen Album Nummer zwei und drei dir etwa das Doppelte an Zeit gelassen. Warum war das so? Auch scheint es einen anderen musikalischen Weg zu geben, als bei „Zwischen Heimweh und Fernsucht“ und „Fliegende Fische“...

Pohlmann: Es gibt doch dieses ungeschriebene Gesetz: Wenn du es mit dem dritten Album auf dem breiten Markt nicht geschafft hast, dann wirst du es nie schaffen. Ich wurde immer als der Jack Johnson aus Deutschland beschrieben, auch damit meine Plattenfirma mich verkaufen kann, obwohl das nur wenig zutrifft. Und doch war die Frage, ob ich mit der dritten Platte den Weg weitergehen wollte oder ob es in eine neue Richtung gehen soll. Ich habe dann verschiedene Sachen ausprobiert, sogar eine ganze Platte verworfen. Dann habe ich Clueso kennengelernt, der meinte: Geh doch mal mit meinem Produzenten ins Studio, ich glaube der hätte einen interessanten Einfluss auf dich. Clueso hat mir auch bei ein, zwei Songs geholfen. Ich habe neue Musiker um mich versammelt. Das hat seine Zeit gebraucht.

Echo-Live: Du hast 2009 auch mit Clueso zusammen auf der Bühne gestanden für seine DVD. Was ist das für eine Verbindung zwischen euch? Ihr scheint ja von einem ähnlichen Schlag zu sein: entspannt, bodenständig, ungekünstelt.

Pohlmann: Clueso ist für mich ein junger, fleißiger Typ. Als ich sein Album „Gute Musik“ das erste Mal hörte, war ich ein klein wenig neidisch, im positiven Sinn, weil er einfach so gut war. Dann habe ich ihn kennengelernt in einer Zeit, als ich weder ein noch aus wusste. Clueso ist ein Arbeitstier, vielmehr als ich es bin. Wir sind jetzt keine Kumpels, die regelmäßig telefonieren. Clueso hat viel zu tun, hat seine alten Kumpels. Genauso bei mir. Die alten Freunde bleiben. Alle Leute, die man neu kennenlernt, scheinen einen für gewisse Zeit zu begleiten, aber verschwinden dann wieder in ihrem Leben. So ist es auch bei Clueso und mir. Ich bin ein Verehrer seiner Musik und ich hoffe, dass wir mal wieder zusammenfinden.

Echo-Live: Zum Abschluss: Stell dir vor, du sitzt als Rentner im Schaukelstuhl und deine Kinder fragen dich: Opa, du hast doch mal Musik gemacht. Wie war das so zu deiner Zeit? - Welche Geschichte würdest du ihnen erzählen?

Pohlmann: (Kriegt sich kaum ein vor lachen und fängt mit rauer Stimme - etwa wie ein Pirat - an zu reden; Anmerk. d. Red.) Ich würde ihnen lauter Räuberpistolen erzählen. Wie das mit den Frauen war, mit den Menschen die einem zujubeln auf der Bühne. Wahrscheinlich würden sie sagen: der Alte erzählt wieder. Ich würde jedenfalls sehr fröhlich zuschauen, dass kann ich dir jetzt schon sagen. Du könntest mich direkt auf 80 schrauben und ich würde dir genau das sagen...

Echo-Live: ...aber du alterst ja nicht.

Pohlmann: Wegen der Relativitätstheorie, richtig!

Echo-Live: Danke für das Gespräch!

07.09.2011, Sebastian Wolf

 
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