Viel Wein, wenig Arbeit: Denis Pöpping in der Inszenierung des "Taugenichts" des Berliner "Theater an der Parkaue". Foto: Frank Möllenberg
Im Theater ist am Freitagabend alles anders. Schon am Eingang werden Besucher mit „Glücksbändchen“ und glücklich machenden Schoko-Häppchen versorgt, im Treppenhaus wird gesungen, und spätnachts räkeln sich im Foyer junge Menschen auf Feldbetten. Das Jugendtheaterfestival „Eldorado“ ist eine Erstürmung des Theaters. Genau dies ist von den Machern um die Festivalleiterin Sophie Werner auch erwünscht: Nicht umsonst tragen viele der Projekte, die Künstler am Wochenende mit Kindern und Jugendlichen ausprobieren, den Namen „Raumeroberung“
Die ersten Mauern des Theaters stürmt am Freitag die fünfköpfige Truppe vom „Theater an der Parkaue“ aus Berlin mit ihrer erfrischend-dynamischen Interpretation des „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nach der Novelle von Joseph von Eichendorff. Die Geschichte des vom Vater als Tunichtgut verschmähten jungen Manns, der „in die Welt geht, um sein Glück zu machen“, passt präzise zum Motto des Festivals. Durch unermüdlichen Einsatz auf der Bühne macht „Taugenichts“ Denis Pöpping aus der spätromantischen Prosa ein höchst kurzweiliges Erlebnis.
Lautstark schnarchen für die persönlichen Glücksmomente
„Ich bin im Begriffe nach Teneriffe“, kalauert der hyperaktive Faulpelz schon mal. Auch das Publikum entlässt er nicht aus der Verantwortung: Das muss lautstark schnarchen, um „alles Schlechte raus und alles Gute rein“ zu bekommen. Ein persönlicher Glücksmoment eben.
Dass einer nicht umhervagabundieren oder schauspielern muss, um sich auf Glückssuche zu begeben, lernt am Samstag Timothy Kramp (14). Der Neuntklässler von der Humboldtschule umhüllt gerade in der Theater-Küche im zweiten Obergeschoss ein Stück Thunfisch-Filet sorgsam mit einer Scheibe Räucherschinken. Dass Kochen und Essen glücklich machen, davon ist er überzeugt. Was außerdem sein Herz erfreut: Sein Küchenchef Marcus Moor von der Bischofsheimer „Ratsstube“ hält große Stücke auf den engagierten jungen Mann.
„Ihn würde ich sofort als Azubi nehmen“, sagt Moor. Und auch ein Praktikumsplatz ist ihm sicher. „Das will ich machen“, sagt Kramp überzeugt, „ich will wissen, wie es ist, als Koch zu arbeiten“. Hier geht es aber auch um den „Aha-Effekt“ der Nachwuchsköche, wenn der zarte Ton von frischer Vanille in der Panna cotta die Zunge umspielt, sagt Koch-Kollege Harald Zehnder. Außerdem: „Was Jugendliche glücklich macht, ist, Verantwortung zu übernehmen und zu sehen, was sie können.“ Ganz nebenbei übernimmt die „Glücksküche“ noch die kulinarische Versorgung des Festivals.
"Wir koksen bis zum Umfallen und kaufen im Bio-Laden
An der Sektbar im Parkettfoyer steigt derweil aus heiterem Himmel eine Geburtstagsparty: „Ich habe Geburtstag“, ruft eines der Mädchen hinter der Theke auf einmal, wirft Konfetti und köpft eine Flasche Sekt. Plötzlich sind die Umstehenden an der Bar, die ein Stück Kuchen von den Schauspielerinnen Franziska Herrmann (25) und Christin Wehner (29) nur gegen ein Ständchen ausgehändigt bekommen, mittendrin im Theaterstück „Ich will das Glück. Jetzt. Cash auf die Kralle!“. Das thematisiert, wie unglaubwürdig und widersprüchlich das persönliche Streben nach einem Maximum an Zufriedenheit bisweilen sein kann: „Wir koksen bis zum Umfallen und kaufen alles nur noch im Bioladen“, lamentieren die in samtrote Abendkleider gehüllten Damen, deren Stimmung oft, analog zur Jugend nicht nur von heute, urplötzlich von bester Sektlaune in fundamental-depressive Gesellschaftskritik umschlägt.
Neben zahlreichen Workshops, blutjungem Theater wie „Trashmob“, Aufführungen im Keller bei der Klimaanlage, Glücks-Jingle-Werkstatt fürs Radio, einer stylistischen Verwandlungsstation und einer Menge Musik lädt auch ein „Theater der Leere“ zur Besinnung ein: Einem Raum, in den Tiefen des 8. Obergeschosses, das wohl kaum zuvor ein Theaterbesucher zu Gesicht bekam, haben Kai Schmidt und Katrin Dollinger ein paar Schubkarren Erde und eine Videoinstallation verpasst, die auch einen einsamen Besucher im Rüsselsheimer Theater zeigt – eine Schreckensvision mit durchaus realem Hintergrund.
„Unser Ziel sollte nicht sein, 800 Plätze zu füllen, sondern die Räume zu nutzen“, sagt Schmidt. Räume gebe es auch reichlich für mehr Engagement, pflichtet Dollinger ein. „Das Haus ist offen.“ Beide hoffen, dass die Besucher und Mitmacher von „Eldorado“ das Ganze weitertragen, um für das nächste Festival in zwei Jahren auch abseits der gut besuchten Abendvorstellungen eine weit größere Resonanz zu erreichen. Die Glückssuche im Theater – sie ist eben ein Experiment.







