"Veröffentlichen bis der Arzt kommt"

"She's All That" auf dem Trebur Open Air. Foto: Stefan Holtzem
Die Kölner Combo "She’s All That" spielt eine Mischung aus Punk und elektronischen Beats. Seit Anfang des Jahres gibt es ihr Debütalbum endlich zu kaufen, nachdem die Fans sechs lange Jahre darauf warten mussten. Anonymität gehört zum Konzept, weshalb sie für die Live-Shows schaurige Latex-Masken überziehen und zu alten Männern mutieren. ECHO-live traf die Elektro-Punk Opas zu einem Interview auf Trebur Open Air Festival.
ECHO-live: Der 12. März 2010 muss für euch wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal gewesen sein – euer Debütalbum "Extra Fruity Disgusting" kam nach langer Schaffensphase in die Läden. Wie waren die Aufnahmen zur Platte und wie habt ihr diesen wichtigen Tag der Veröffentlichung erlebt?
She’s All That: Es war gerade in der Tat so, dass ich nicht mehr wusste, was genau am 12. März passiert ist. Doch, da war was. Da kam so ein Tetrapack in die Plattenläden. Sehr großer Tag für uns. Die Aufnahmen waren durchzogen von vielen Diskussionen, daher weniger schön, trotzdem mit einer Menge Spaß verbunden und jetzt ist das Teil endlich auf dem Markt. Out now!
ECHO-live: Unter "Extra Fruity Disgusting" kann man sich nicht wirklich etwas Konkretes vorstellen. Wie würdet ihr eure Musik und die Songs auf dem Album beschreiben?
She’s All That: Auf dem Album gibt es einen roten Faden, den wir gezielt so produziert haben. Das Album heißt nicht "Extra Fruity Disgusting", weil wir die Songs so beschreiben würden. Ein englischer Radiomoderator empfand den Text eines unserer Songs als versaut und abstoßend, was er natürlich nicht war. Wir arbeiten gerne mit Zweideutigkeiten und natürlich war er nicht so gemeint, wie es sich die schmutzige Fantasie des Radiomoderators wohl auszumalen schien. Aber wir fanden das provokant und haben das Album so genannt. In der Musik ist viel Elektro drin, viel Punk, viel aus den 80ern. Wir klingen wie sonst keiner, von daher - anhören!
ECHO-live: Ihr benutzt gerne gewöhnliche Küchengeräte für ungewöhnliche Sounds. Seid ihr eine analoge Band in einer digitalen Welt?
She’s All That: Das würde ich so nicht sagen. Wir backen halt gern. Wir haben eben auch ein solides Repertoire an Küchengeräten zu Hause, und die werden ab und zu mal über die Saiten geschreddert. Wir sind keine analoge Band, sondern machen einfach, worauf wir Bock haben. Uns interessiert weder eine Zeit, noch ein Trend und wenn ein Milchschäumer auf Gitarrensaiten gut klingt oder ein offenes Stromkabel einen Sound erzeugt, dann wird das aufgenommen und eingebaut.
"She's All That" auf dem Trebur Open Air. Foto: Stefan Holtzem
ECHO-live: Wenn ihr in den Clubs spielt, ist es wahrscheinlich leichter, die Bässe knallen zu lassen. Ist es eine Umstellung, auf Open Air Festivals zu spielen und wo funktionieren die Songs besser?
She’s All That: Ich würde nicht sagen, dass es bei Open Air Festivals schwieriger ist - im Gegenteil. Du kannst eigentlich noch viel mehr aufdrehen, weil die Rückkopplungen nicht so stark sind. Wir finden, es klingt vielleicht etwas überheblich, dass wir sowohl auf großen Festivals als auch in Clubs funktionieren. Unser Ursprung war die Diskothek. Samstagabends haben wir zwischen zwei DJ-Sets unserer Konzert gespielt und auch da hat es wunderbar funktioniert. Wir wünschen, als nächstes auf Wacken (das bekannteste Heavymetal-Festival in Deutschland, Anm. D. Verf.) aufzutreten und selbst da würde es wahrscheinlich einschlagen.
ECHO-live: Ihr verortet euch zwischen 80er Retro-Sounds und dem Dance des 21. Jahrhunderts. Schaut ihr gerne nostalgisch zurück oder ist Blick stets in die Zukunft gerichtet?
She’s All That: Wir sind ja mittlerweile alle über 70, deswegen können wir nur in der Vergangenheit leben - in der Zukunft ist nicht mehr viel. Unsere goldenen Jahre waren die 80er. Aber wenn du über den Zebrastreifen gehst, dann musste auch schauen, wo du langgehst. Man kann auf der Mitte nochmal stehen bleiben und was holen, aber das Ziel ist schon die andere Seite, verstehst du?
ECHO-live: Wenn Slipknot ihre Masken aufziehen, mutieren sie, nach eigener Aussage, zu anderen Persönlichkeiten. Ist das bei euch ähnlich und welchen Beweggrund gibt es, der Musik ein anderes Gesicht als das Eurige zu geben?
She’s All That: Die Masken transformieren unsere Persönlichkeit nicht, sie unterstützen sie vielmehr. Einige von uns sehen ohne Maske genauso aus. Wir wollten immer etwas machen, dass die Leute visuell anspricht, allerdings weniger unter marketing-technischen Aspekten. Wenn ich auf ein Konzert gehe, will ich unterhalten werden, will etwas erleben, infiziert werden! Wir wollen, dass die Leute sich auch morgen noch an uns erinnern, deshalb machen wir uns markant, weil wir es wahrscheinlich auch sind. Und nach dem Konzert kannst du mit den Leuten unmaskiert sprechen und bekommst eine sehr ehrliche Meinung.
ECHO-live: Mittlerweile arbeitet ihr schon am nächsten Album. Wollt ihr den 6-Jahres-Rhythmus beibehalten?
She’s All That: Gut Ding will Weile haben, junger Freund. Nee, um Gottes Willen. Wenn das nochmal sechs Jahre dauert, dann erleben wir es nicht mehr, aber es lag nicht an uns. Es lag vielmehr an der Industrie, die sich an unseren Shit nicht rangewagt hat. Nun sind alle Weichen gestellt und wir können veröffentlichen bis der Arzt kommt und das machen wir auch. Vielleicht sogar schon Ende nächsten Jahres.
ECHO-live: Vielen Dank für das nette Gespräch!
01.08.2010, Sebastian Wolf
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